Das Zimmer war durch zwei Gasflammen erleuchtet, man hatte aber die Fensterläden verschlossen und die Vorhänge dicht zugezogen. Die Decke war geschwärzt, damit ihre Farbe unter dem Qualm der Lampen nicht litte, und der ganze Raum dergestalt mit Tabaksrauch angefüllt, daß Fagin anfangs kaum einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte. Allmählich erkannte er jedoch die zahlreiche Gesellschaft, deren Anwesenheit ihm zuerst nur durch verworrenen Lärm kund geworden war. Oben an der Tafel saß mit einem Präsidentenhammer der Wirt, ein plumper, vierschrötiger Mann, der, als ein munteres Lied gesungen wurde, sich gänzlich der allgemeinen Heiterkeit hinzugeben schien, die Augen und Ohren aber – und zwar sehr scharfe Augen und Ohren – offen und überall hatte. Ihm gegenüber an einem verstimmten Fortepiano saß ein Musiker mit bläulicher Nase und Zahnschmerzen halber verbundener Wange. Die Sänger ließen sich ihre Gläser noch weit besser als die ihnen gespendeten Lobsprüche behagen, und die Gesichter ihrer Bewunderer drückten fast jedes Laster in jeglicher Abstufung aus und waren unwiderstehlich anziehend, weil grenzenlos abstoßend. Man sah überall die mannigfachsten und wahrhaftesten Bilder der Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit, und die – sämtlich noch mehr oder minder jugendlichen – Frauenzimmer trugen die abschreckendsten Spuren der Ausschweifung an sich, während in ihrem wüsten Aussehen keine Spur edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war, so daß sie die schwärzeste und betrübendste Schattenpartie des Gemäldes bildeten.
Fagin ließ sich jedoch durch Gedanken solcher Art nicht von fern beunruhigen. Seine Blicke schweiften gespannt von einem Gesicht zum andern, schienen aber vergebens zu suchen. Er winkte endlich unbemerkt dem vorsitzenden Wirte, und schlich so sacht wieder hinaus, wie er hineingeschlichen war.
«Was wünscht Ihr von mir, Mr. Fagin?» fragte der Wirt leise, sobald er beim Juden draußen an der Treppe stand. «Wollt Ihr Euch nicht zu uns setzen? Die ganze Gesellschaft würde sich sehr freuen.»
Der Jude schüttelte ungeduldig den Kopf und flüsterte: «Ist er hier?»
«Nein.»
«Keine Nachricht von Barney?»
«Nein. Er wird sich auch nicht rühren, bis alles sicher ist. Verlaßt Euch drauf, sie sind ihm auf der Spur, und wenn er sich blicken ließe, würde er die ganze Geschichte verraten. 's ist alles ganz richtig mit ihm: ich hätte sonst von ihm gehört. Laßt ihn nur zufrieden; ich stehe dafür, daß er sich mit großer Klugheit benimmt.»
«Wird er nicht kommen heut' abend?»
«Meint Ihr Monks?» lautete des Wirtes zögernde Gegenfrage.
«Pst! Ja doch!»