«Dort!» erwiderte der bebende Monks, nach der Wand gegenüber hinzeigend. «Der Schatten – ich sah den Schatten eines Frauenzimmers in 'nem Mantel und Hut, wie 'nen Hauch an dem Täfelwerk dahingleiten.»

Der Jude ließ ihn los, und beide stürzten aus dem Zimmer hinaus. Das vom Zugwinde flackernde Licht, das an der Stelle stand, wo es Fagin hingestellt hatte, zeigte ihnen nur die leere Treppe und ihre erbleichten Gesichter. Sie horchten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, allein die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause.

«'s ist nichts gewesen als Eure Einbildung», sagte der Jude, das Licht aufhebend und zu Monks sich wendend.

«Ich will darauf schwören, daß ich's wirklich sah», versetzte Monks, fortwährend heftig zitternd. «Es beugte sich vor, als ich's erblickte, und verschwand, als ich zu Euch davon zu sprechen anfing.»

Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu, forderte ihn auf, ihm zu folgen, wenn es ihm beliebe, und ging voran die Treppe hinauf. Sie schauten in alle Gemächer hinein, begaben sich wieder hinunter auf den Hausflur, in die Keller, durchsuchten jeden Winkel, allein vergebens. Es war im ganzen Hause öde und still wie der Tod.

«Was meint Ihr nun, mein Guter?» sagte der Jude, als sie wieder auf dem Hausflur standen. «'s ist im Hause kein lebendiges Wesen außer uns und Toby Crackit und den Knaben, und die sind wohl verwahrt. Schaut!»

Er nahm zwei Schlüssel aus der Tasche und fügte hinzu, daß er, als er zuerst hinuntergegangen, Toby, Dawkins und Charley eingeschlossen habe, um jede Störung des Gesprächs unmöglich zu machen. Monks wurde wankend in seinem Glauben und erklärte endlich, daß ihm seine erhitzte Einbildungskraft einen Streich gespielt haben müsse, wollte die Unterredung jedoch für diesmal nicht fortsetzen, erinnerte sich plötzlich, daß ein Uhr vorüber sei, und das liebenswürdige Freundespaar trennte sich.

27. Kapitel.

In dem die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels bestmöglich wieder gutgemacht wird.

Da es der geringen Person eines Schriftstellers schlecht anstehen würde, einen so wichtigen Mann wie einen Kirchspieldiener mit den Rockschößen unter dem Arme am Feuer stehen zu lassen, bis es dem Autor eben beliebte, ihn zu erlösen; und da ihm seine Stellung oder seine Galanterie noch weniger erlaubt, auf ähnliche Weise eine Dame zu vernachlässigen, auf welche besagter Kirchspieldiener ein wohlgeneigtes und zärtliches Auge geworfen und in deren Ohren er süße Worte geflüstert, welche, aus dem Munde eines solchen Mannes kommend, in den Herzenssaiten jeglicher Jungfrau oder Matrone Anklang finden mußten: so eilt der gewissenhafte Erzähler dieser Geschichte, der die gebührende Ehrfurcht vor denjenigen hegt, welche mit hoher und wichtiger Autorität bekleidet sind, ihnen jene Achtung zu zollen, welche ihre Stellung erfordert, und ihnen die ganze pflichtmäßige, rücksichtsvolle Behandlung angedeihen zu lassen, zu welcher ihr hoher Rang und folglich ihre großen Tugenden sie auf das vollkommenste berechtigen. Es war seine Absicht, zu diesem Zwecke hier eine Abhandlung einzufügen, in welcher das göttliche Recht der Kirchspieldiener erörtert und der Satz, daß ein Kirchspieldiener kein Unrecht tun könne, ins Licht gestellt werden sollte, – eine Abhandlung, die für den verständigen und wohlgesinnten Leser sowohl angenehm wie nützlich hätte werden müssen; allein der Mangel an Zeit und Raum nötigt ihn unglücklicherweise, sie für jetzt noch zurückzustellen. Sobald es indes an Zeit und Raum nicht mehr gebricht, wird er zeigen, daß ein Kirchspieldiener in der wahren und höchsten Potenz – das will sagen ein solcher, der beim Kirchspielarmenhause angestellt ist und in seiner amtlichen Eigenschaft die Kirchspielkirche besucht – nach den Rechten und kraft seines Amtes alle Vortrefflichkeiten und mit einem Worte die besten Eigenschaften der menschlichen Natur besitzt, und daß bloße Vereins- oder Kapellen- oder Gerichtsdiener oder Pedelle auf jene Vortrefflichkeiten auch nur die mindesten begründeten Ansprüche keineswegs machen können.