«Wenn ich das auch annehmen müßte,» fuhr der Kirchspieldiener fort, «denken müßte, daß es ein Armer gewagt hätte, seine gemeinen Augen zu dem liebenswürdigen Antlitze zu erheben –»
«Das hätte keiner gewagt – nimmermehr –»
«Ich wollt's ihnen auch wohl raten!» zürnte Bumble, die Faust schüttelnd. «Ich will den Menschen sehen, arm oder nicht arm, der sich's unterfinge, und kann ihm nur so viel versichern, daß er's nicht zum zweitenmal tun würde.»
Die Worte hätten vielleicht wie eine nicht eben große Schmeichelei gegen die Reize der Dame geklungen, wenn sie nicht durch heftiges Gebärdenspiel verschönt gewesen wären; da jedoch Bumble seine Drohung mit vielen kriegerischen Gestikulationen begleitete, so erblickte Mrs. Corney darin sehr gerührt nur einen Beweis seiner aufopfernden Ergebenheit und versicherte ihm bewundernd und mit großer Wärme, daß er wahrhaftig ein Täubchen wäre.
Mr. Bumble knöpfte den Rock bis unter das Kinn zu, setzte seinen dreieckigen Hut auf, umarmte seine Taube zärtlich und lange und ging, um abermals dem Sturme und der Kälte Trotz zu bieten, nachdem er zuvor bloß noch fünf Minuten im Zimmer der männlichen Armen verweilt und gegen dieselben ein wenig getobt hatte, um zu erproben, ob er der Stelle des Haushofmeisters auch mit der gebührenden Autorität würde vorstehen können. Nachdem er sich von seiner Befähigung überzeugt, verließ er das Haus mit einem leichten, fröhlichen Herzen und glänzenden Vorausahnungen seiner bevorstehenden Beförderung.
Mr. und Mrs. Sowerberry befanden sich in einer Abendgesellschaft, und da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich einem größeren Maße physischer Anstrengung zu unterziehen, als durch eine gemächliche Betätigung der Funktionen des Essens und Trinkens erfordert wird, so war der Laden noch nicht verschlossen, obgleich die Stunde längst vorüber war, zu welcher es hätte geschehen sollen. Bumble klopfte mehreremal mit seinem Rohre auf den Ladentisch; allein da niemand erschien, und da er durch das Glasfenster des kleinen Zimmers hinter dem Laden Licht schimmern sah, so trat er näher, um nachzusehen, was in dem Zimmerchen vorginge, und war nicht wenig erstaunt, zu sehen, was er sah.
Der Tisch war gedeckt, und auf ihm standen Brot und Butter, Teller und Gläser, ein Krug mit Porter und eine Weinflasche. Noah Claypole ruhte in nachlässigster Stellung in einem Sessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, welche Noah sich herabließ, mit großem Behagen zu verschlingen. Eine mehr als gewöhnliche Röte in der Gegend der Nase des jungen Herrn und ein gewisses Blinzeln seines rechten Auges verkündigten, daß er ein wenig angetrunken war, und die besagten Symptome erhielten noch eine Verdeutlichung durch seine augenscheinliche Begier nach den Austern, die er offenbar hauptsächlich wegen ihrer kühlenden Eigenschaften bei innerlicher Glut genoß.
«Da ist 'ne prächtige, fette, Noah!» sagte Charlotte. «Die mußt du probieren.»
«Wie wundervoll doch Austern schmecken!» bemerkte Noah; «und wie schade ist's, daß man sich immer unbehaglich fühlt, wenn man sie in einiger Menge genossen hat.»
«'s ist wirklich grausam und unrecht», sagte Charlotte. «Hier ist wieder 'ne ganz herrliche.»