«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose mit Lebhaftigkeit aus.

«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort, «meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des Knaben tun, Sir?»

«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie mich nachdenken.»

Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am. – Ja – ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts dawider?»

«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein», antwortete Mrs. Maylie.

«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.

«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter zu, als es unumgänglich notwendig ist.»

«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden, und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen benutzen zu können.»

«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose errötend.

«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend. «Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung – daß ich ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung – zum wenigsten von meiner Seite – überlassen wird.»