«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.

«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»

«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist unmöglich.»

«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»

Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.

Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten, denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes, allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt, daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als – was sonst geschehen sein würde – darauf zu bestehen, daß er sich bis zum folgenden Morgen ruhig verhalten solle.

Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung, innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir – während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen – nur mit einem einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten, die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf unsere Häupter herabzusenden – wenn wir im Geist nur einen Augenblick hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen machen kann!

Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.

Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen, verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe, großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.

«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.