Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.
«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher Geschichten erlebt.»
«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.
«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»
«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir, die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im Spiele dabei gehabt als ich.»
«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch, wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»
«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.
«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed –»
«Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche[AN], Ma'am», bemerkte Duff.
«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der Zeit noch nicht zur Kabrusche[AO], und einst wurden ihm mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach. Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt, Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes Beistand zu leisten. ‚Spyers‘, sagte Chickweed, ‚ich habe ihn gestern morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.‘ – ‚Warum haben Sie ihn nicht sogleich angehalten?‘ fragte Spyers. ‚Ich war so bestürzt, daß Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen können,‘ antwortete der arme Mensch; ‚wir werden ihn aber gewiß attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er wieder vorüber.‘ Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh', aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich anfing zu schreien: ‚Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!‘ Jem Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du, geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»