«Nichts, Tante, nichts», erwiderte Rose. «Ich weiß selbst nicht, wie mir ist – ich kann es nicht beschreiben – ich fühle mich so matt, so –»
«Du bist doch nicht krank, Rose?» fiel Mrs. Maylie ein.
«O nein, nein», sagte die junge Dame schaudernd, als wenn sie plötzlich von einem Fieberfroste geschüttelt würde; «mir wird wenigstens sogleich wieder besser sein. Schließe das Fenster, Oliver.»
Oliver eilte, ihr Geheiß zu erfüllen, sie zwang sich, heiter zu scheinen und spielte eine muntere Weise; allein die Hände fielen ihr kraftlos in den Schoß, sie stand auf, sank auf das Sofa nieder, bedeckte ihr Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf, die sie nicht mehr zu unterdrücken vermochte.
«Mein liebes Kind!» rief Mrs. Maylie, sie an die Brust drückend, aus; «ich habe dich ja noch nie so gesehen!»
«Ich beunruhige Sie nur sehr ungern,» erwiderte Rose, «kann aber trotz aller Mühe dies Weinen nicht unterdrücken. Ich fürchte, daß ich doch krank bin, Tante.»
Sie war es in der Tat; denn als Licht gebracht wurde, gewahrten alle, daß sich ihre Farbe in der kurzen Zeit seit der Rückkehr von dem Spaziergange in Marmorblässe verwandelt hatte. Ihr Antlitz hatte nichts von seiner Schöne verloren, und doch war mit ihren Zügen eine Wandlung vorgegangen, und es lag ein Ausdruck der Unruhe und Abspannung darin, den sie noch niemals gezeigt hatten. Nach Verlauf einer Minute waren ihre Wangen wieder von Purpurröte übergossen, ihre sanften, blauen Augen bekamen einen stechenden, unheimlichen Blick, und auch dieser verschwand bald wieder, gleich einem vorüberziehenden Wölkchen, und die Leichenblässe kehrte zurück.
Oliver, der die alte Dame genau beobachtet hatte, bemerkte, daß sie große Unruhe empfand, wie es in Wahrheit bei ihm selber der Fall war; da sie sich indes offenbar den Anschein zu geben suchte, als wenn sie die Sache leicht nähme, so tat er dasselbe, was bei Rose eine günstige Wirkung hervorzubringen schien. Denn als sie auf Zureden ihrer Tante zu Bett ging, sah sie wieder wohler aus, versicherte, es auch zu sein und fügte hinzu, sie wäre überzeugt, daß sie am anderen Morgen gesund und munter wie sonst erwachen würde.
«Ich hoffe, Ma'am,» sagte Oliver, als Mrs. Maylie zurückkehrte, «daß Miß Rose nicht ernstlich krank werden wird. Sie sah heute abend unwohl genug aus; doch –»
Die alte Dame winkte ihm, nicht fortzufahren, setzte sich, stützte schweigend den Kopf auf die Hand und sagte endlich mit bebender Stimme: «Ich will es auch hoffen, Oliver. Ich habe einige Jahre sehr glücklich – vielleicht zu glücklich mit ihr verlebt, und es könnte Zeit sein, daß mir wieder ein Unglück begegnet – ich hoffe indes, nicht dieses.»