«Was für ein Unglück, Ma'am?» fragte Oliver.

«Ich meine den schweren Schlag,» antwortete die alte Dame fast tonlos, «das liebe Mädchen zu verlieren, das so lange schon meine Freude und mein Trost gewesen ist.»

«Das verhüte Gott!» rief Oliver hastig aus.

«Ich sage Ja und Amen dazu, mein Kind!» fiel die alte Dame, die Hände ringend, ein.

«Sie brauchen sicher so etwas Schreckliches nicht zu fürchten», fuhr Oliver fort. «Miß Rose war ja vor zwei Stunden vollkommen wohl.»

«Und jetzt ist sie sehr unwohl», versetzte Mrs. Maylie, «und wird ohne Zweifel noch kränker werden. O meine liebe, liebe Rose! Was sollte ich anfangen ohne sie!» Sie wurde so sehr und so schmerzlich bewegt, daß Oliver, seine eigene Herzensangst unterdrückend, sich bemühte, sie zu beruhigen, und sie dringend bat, um der lieben jungen Dame selbst willen gefaßter zu sein.

«Bedenken Sie doch nur, Ma'am,» sagte er, gewaltsam die Tränen zurückdrängend, die ihm in die Augen schossen, «wie jung und wie gut sie ist und wie sie alles um sich her erfreut. Ich weiß es – weiß es ganz gewiß, daß sie um ihrer selbst und um Ihret- und unser aller willen, die sie so froh und glücklich macht, nicht sterben wird; nein, nein, Gott läßt sie nimmermehr schon jetzt sterben!»

«Ach! du sprichst und denkst wie ein Kind, mein guter Oliver,» sagte Mrs. Maylie, ihm die Hand auf den Kopf legend, «und irrst, so natürlich es sein mag, was du sagst. Indes hast du mich an meine Pflicht erinnert. Ich hatte sie auf einen Augenblick ganz vergessen, Oliver, und hoffe Verzeihung zu finden, denn ich bin alt und habe genug gesehen von Krankheiten und vom Tode, um den Schmerz zu kennen, den sie den Hinterbleibenden zufügen. Auch besitze ich genug Erfahrung, um zu wissen, daß es nicht immer die Jüngsten und Besten sind, die den sie Liebenden erhalten werden – was uns jedoch eher trösten als bekümmern sollte, denn der Himmel ist weise und gütig, und Erfahrungen solcher Art lehren uns eindringlich, daß es eine noch schönere Welt gibt als diese und daß wir bald hinübergehen zu ihr. Gottes Wille geschehe! Doch liebe ich sie, und er allein weiß es, wie sehr, wie sehr!»

Oliver war verwundert, daß Mrs. Maylie, sobald sie diese Worte gesprochen, ihren Klagen plötzlich Einhalt tat, sich hoch emporrichtete und vollkommen ruhig und gefaßt erschien. Er war noch mehr erstaunt, als er bemerkte, daß sie sich in ihrer Festigkeit gleich, bei allem Sorgen und Wachen besonnen und gesammelt blieb und jede ihrer Pflichten dem Anscheine nach sogar mit Heiterkeit erfüllte. Doch er war jung und wußte noch nicht, welch großen Tuns und Duldens starke Seelen unter schwierigen und entmutigenden Umständen fähig sind; und wie hätte er es wissen sollen, da sich die Starken selbst ihrer Kraft nur selten bewußt sind?

Es folgte eine angstvolle Nacht, und als der Morgen kam, waren Mrs. Maylies Vorhersagungen nur zu wahr geworden. Rose lag im ersten Stadium eines heftigen und gefahrdrohenden Fiebers.