«Alle Teufel!» murmelte der Mann vor sich hin, den Knaben mit seinen großen, schwarzen Augen anstarrend. «Wer hätte das denken können? Und wenn man ihn zu Staub zerriebe, er würde aus 'nem marmornen Sarge wieder aufstehen und mir in den Weg treten.»
«Es tut mir leid, Sir», stotterte Oliver verwirrt; «ich hoffe, daß ich Ihnen keinen Schaden getan habe.»
«Daß seine Knochen verfaulen!» murmelte der finstere Mann durch die verbissenen Zähne; «hätte ich nur den Mut gehabt, das Wort auszusprechen, so hätte mich eine einzige Nacht von ihm befreien können. Fluch über dein Haupt und die Pest in deinen Leib, du Höllenbrand! Was hast du hier zu schaffen?»
Er hob drohend die Faust empor, knirschte mit den Zähnen und trat einen Schritt vor, als wenn er Oliver einen Schlag versetzen wollte, stürzte aber plötzlich zu Boden und wand und krümmte sich, während ihm dicker Schaum vor dem Munde stand. Oliver schaute dem Wahnwitzigen (denn ein solcher schien ihm der schreckliche Mann zu sein) ein paar Augenblicke zu, lief darauf in das Haus, um Beistand zu holen, verlor sodann keine Zeit mehr und eilte nach Hause zurück, mit großer Verwunderung und nicht ohne Bangigkeit an das seltsame Benehmen des Unbekannten zurückdenkend. Er verlor den ganzen Vorfall jedoch bald aus dem Gedächtnis, denn als er in Mrs. Maylies Wohnung wieder angelangt war, hörte und sah er genug, was seinen Gedanken eine ganz andere Richtung gab.
Roses Zustand hatte sich sehr verschlimmert, und noch vor Mitternacht lag sie in Fieberphantasien. Der Wundarzt aus dem Dorfe hatte Mrs. Maylie erklärt, daß die Krankheit ihrer Nichte eine sehr beunruhigende Wendung genommen hätte, und zwar in dem Maße, daß ihre Wiederherstellung einem Wunder gleichkommen würde.
Wie oft sprang Oliver aus seinem Bett in der Schreckensnacht, um an die Treppe zu schleichen und zu horchen, was in dem Krankenzimmer vorgehen möchte! Er bebte fast fortwährend an allen Gliedern, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, wenn ihm irgendein Geräusch zu verkünden schien, daß das Schlimmste eingetreten sei. Er hatte nie so inbrünstig zum Himmel gefleht, wie er in dieser Nacht um die Erhaltung des teuren Lebens seiner holden, am Rande des Grabes stehenden Freundin betete.
Die Ungewißheit, die schreckliche, ängstigende Ungewißheit, wenn wir untätig daneben stehen, während die Wagschale eines Heißgeliebten zwischen Tod und Leben schwankt – die folternden Gedanken, welche dann auf das Gemüt einstürmen, das Herz zu rascheren, heftigen Schlägen treiben, den Atem stocken machen – die düsteren Bilder, welche sie heraufbeschwören –, der verzweifelte Herzensdrang, etwas zu tun zur Linderung von Schmerzen, die wir nicht lindern können, zur Entfernung einer Gefahr, die wir nicht zu entfernen vermögen, und die tiefe, traurige Niedergeschlagenheit, welche uns dann bei dem Bewußtsein unserer Ohnmacht ergreift: – welche Qualen lassen sich diesen vergleichen, durch welche Erwägungen oder Anstrengungen könnten wir sie uns in der Fieberhitze der Aufregung, in unserer tiefen Not erleichtern?
Der Morgen kam, und das Häuschen war stumm und still. Man flüsterte nur; von Zeit zu Zeit ließen sich angstvolle Gesichter an der Tür blicken, und Frauen und Kinder gingen weinend wieder fort. Den ganzen langen Tag und noch stundenlang, nachdem es dunkel geworden war, ging Oliver leise im Garten auf und ab, die Augen fortwährend hinauf nach dem Zimmer der Kranken gewandt und schaudernd beim Anblick des verdunkelten Fensters, das ihm aussah, als wenn drinnen der Tod lauernd ausgestreckt läge. Zu einer späten Abendstunde traf Mr. Losberne ein. «'s ist hart», sagte der weichherzige Doktor, sich abwendend; «'s ist hart – so jung – so heiß geliebt von so vielen –, doch aber ist nur wenig Hoffnung!»
An einem abermaligen Morgen strahlte die Sonne hell – so hell und heiter, als wenn sie auf kein Leiden, keine Sorge herabblickte; und indem die Blumen sie umblühten und Leben, Gesundheit und Töne der Freude und lachende Gegenstände sie rings umgaben, siechte die junge, schöne Dulderin dem Grabe entgegen. Oliver schlich hinaus auf den stillen Friedhof, setzte sich auf einen der kleinen, grünen Hügel und weinte um sie in der Stille und Einsamkeit.
Der Tag war ein so köstlicher Sommertag, die sonnige Landschaft so heiter und glänzend, die Vögel sangen und hüpften so munter in den Zweigen oder schwangen sich so lebensfroh in die Lüfte empor, alles, alles schien so laut aufzufordern zur Freude und Lust, daß sich dem Knaben, als er die schmerzenden Augen aufschlug, unbewußt der Gedanke aufdrängte, dies sei keine Zeit für den Tod, und Rose könne nimmermehr sterben, während so viele weit geringere Wesen so froh und munter wären; die Gräber wären nur für den kalten, freudlosen Winter, nicht für die sonnige, duftige, Lust weckende und gebende Sommerzeit. Fast hätte er geglaubt, die Leichentücher wären für die Alten und Abgelebten und nicht dazu bestimmt, die jungen und schönen Gestalten mit ihrer grausigen Nacht zu bedecken.