Ein Geläute der Kirchglocke unterbrach plötzlich seine kindlichen Gedanken. Es wurde zu den Begräbnisgebeten geläutet. Ein ländliches Leichengefolge schritt durch das Tor herein; die Leidtragenden hatten sich mit weißen Schleifen geschmückt; sie begruben einen Jüngling. Sie standen mit entblößten Häuptern am Grabe, und in ihrer Mitte kniete eine weinende Mutter. Aber die Sonne schien hell, und die Vögel zwitscherten und hüpften in den Zweigen fort und fort.

Oliver kehrte nach Hause zurück, gedenkend der vielfachen Beweise von Güte, die er von der jungen Dame empfangen und mit dem Wunsche, daß die Zeit noch einmal kommen möchte, wo er imstande wäre, ihr ohne Aufhören zu zeigen, wie dankbar und liebevoll gesinnt er gegen sie war. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, denn er war eifrig in ihrem Dienste gewesen, und doch mußte er an zehn und wieder zehn Fälle denken, in welchen er meinte, nicht eifrig genug gewesen zu sein. Wohl sollten wir sorgfältig über unser Benehmen gegen die, mit denen unsere Lebensbahn uns zusammenführt, wachen, und so viel Liebe als möglich hineinlegen; denn jeglichen Todesfall begleitet eine Schar von Gedanken an so viel Versäumtes, so wenig Getanes – an so viel Vergessenes und an noch viel mehr, was hätte besser getan, oder wieder gut gemacht werden können, daß die Erinnerungen dieser Art zu den allerbittersten gehören, die uns quälen können. Keine Reue ist so schmerzlich, als die vergebliche, und wollen wir uns ihre Peinigungen ersparen, so laßt uns beizeiten allen dessen gedenken.

Als Oliver zu Hause angelangt war, fand er Mrs. Maylie im kleinen Wohnzimmer. Sein Herz zagte in ihm bei ihrem Anblick, denn sie hatte das Bett ihrer Nichte noch keine Minute verlassen, und er zitterte, zu denken, welche Veranlassung sie von demselben verscheucht haben könnte. Er vernahm, daß die Patientin in einen festen Schlummer verfallen sei, aus welchem sie erwachen würde zur Genesung und zum Leben, oder um ihren Lieben das letzte Lebewohl zu sagen und von dieser Welt zu scheiden.

Sie saßen stundenlang horchend und zu sprechen sich scheuend, beieinander. Das Mahl wurde unangerührt hinausgetragen, ihre Blicke hingen an der Pracht der untergehenden Sonne, doch waren ihre Gedanken bei einem anderen Gegenstande. Ihr gespanntes Ohr vernahm den Schall herannahender Fußtritte, und sie eilten zugleich nach der Tür, als Losberne eintrat.

«Was haben Sie von Rose zu melden?» rief ihm die alte Dame entgegen. «Sagen Sie es sogleich. Ich kann alles, nur keine Ungewißheit ertragen. In des Himmels Namen, reden Sie! Ist sie tot, ist sie tot?»

«Nein», entgegnete der Doktor äußerst bewegt. «So wahr er gütig und barmherzig ist, wird sie leben, um uns alle noch viele Jahre zu beglücken!»

Die alte Dame fiel auf die Knie nieder und mühte sich, die Hände zu falten; allein ihre Kraft, die sie so lange aufrecht erhalten hatte, floh mit dem ersten Dankesseufzen, das sie zum Himmel emporsandte, und sie sank zurück in die Arme des herbeigeeilten Doktors.

34. Kapitel.

In welchem ein junger Herr auftritt, und Oliver ein neues Abenteuer erlebt.

Es war fast zu viel Glück, um es ertragen zu können. Oliver war durch die unverhoffte Kunde ganz betäubt; er konnte nicht weinen, nicht sprechen, nicht bleiben, wo er war. Er mußte sich erst wieder zu fassen suchen, um was er gehört, zum klaren Bewußtsein zu bringen, als er sich nach einem langen Umherschweifen in der stillen Abendlandschaft durch einen Tränenstrom erleichtert, und von der fast nicht mehr zu ertragenden Last befreit fühlte, die ihm gleich einem Alp auf dem Herzen gelegen hatte.