«Sie müssen es am besten wissen, und jedenfalls leidet das keinen Zweifel, daß meine Ruhe, wenn das Schlimmste eingetreten wäre –»
«Rose verdient die echteste, reinste Neigung, die das Herz eines Mannes nur bieten kann. Ihr Seelenadel und ihr liebendes, hingebendes Gemüt rechtfertigen den Anspruch auf eine nicht gewöhnliche, sondern tiefe und dauernde Gegenliebe. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre und nicht außerdem wüßte, daß ein verändertes Benehmen von seiten eines Anverwandten, den sie liebt, sie bis zum Tode betrüben würde, so würde mir meine Aufgabe nicht so schwierig erscheinen, oder ich hätte nicht so viele Kämpfe mit mir selbst zu bestehen, indem ich tue, was mir die Pflicht schlechterdings zu gebieten scheint.»
«Ist das nicht unrecht, Mutter? Halten Sie mich noch für so jung, daß ich mein Herz nicht kennte, imstande wäre, meine innersten, lebhaftesten, besten Gefühle zu mißdeuten?»
«Mein lieber Harry, die Jugend hegt viele edle Gefühle, welche nicht von Dauer und bisweilen, wenn befriedigt, um so flüchtiger sind. Und was noch mehr ist, mein Sohn: – besitzt ein enthusiastischer, feuriger, ehrgeiziger, junger Mann eine Gattin, auf deren Namen ein Flecken haftet, der, obwohl nicht ihre Schuld, von kalten und gemein denkenden Leuten ihr und vielleicht auch ihren Kindern, und zwar um so mehr zum Vorwurf gemacht wird – um deswillen sie wie er um so mehr Spott und Hohn zu erdulden haben – je erfolgreicher oder glänzender seine Laufbahn ist, so kann ihn – und wenn er noch so gut und edel ist – im späteren Leben die Verbindung reuen, die er in seiner Jugend geschlossen, und sie selbst den Schmerz und die Pein erfahren, es zu wissen.»
«Mutter,» entgegnete der junge Mann ungeduldig, «ein solcher Mann wäre ein elender Egoist, unwürdig des Namens eines Mannes und einer Frau, wie Sie sie geschildert haben.»
«So denkst du jetzt, Harry!»
«Und ich werde stets so denken! Die Herzensqual, die ich in den beiden letzten Tagen erduldet, dringt mir das offene Geständnis einer Leidenschaft ab, die, wie Ihnen wohl bekannt, weder von gestern, noch eine jugendlich-leichtsinnige und unbedachte ist. Meine Neigung zu dem lieben, herrlichen Mädchen ist so tief und fest begründet, wie es die Neigung eines Mannes nur sein kann. Ich habe keinen Gedanken, keinen Lebensplan, keine Hoffnung außer ihr, höher als sie, und wenn Sie sich meiner Liebe zu ihr widersetzen, so vernichten Sie meine Ruhe, mein ganzes Glück für immer. O Mutter, überlegen Sie noch einmal und denken Sie besser von mir; mißachten Sie die heißen Gefühle nicht, auf welche Sie einen so geringen Wert zu legen scheinen.»
«Harry,» entgegnete Mrs. Maylie, «ich halte vielmehr so viel von warmen und gefühlvollen Herzen, daß ich ihnen eine Enttäuschung ersparen möchte. Doch wir haben für jetzt genug und mehr als genug von der Sache geredet.»
«So überlassen Sie Rose die Entscheidung; und Sie werden sicher Ihren zu strengen Ansichten nicht so viel Macht einräumen, daß Sie mir Hindernisse in den Weg legen.»
«Das nicht; allein ich wünsche, daß du wohl überlegst –»