Maylie und Losberne sahen Oliver und sodann einander an – und man brauchte nur die eifrigen Mienen des Knaben zu beobachten, um überzeugt zu sein, daß er die reine Wahrheit sagte. Indes waren immer noch keinerlei Spuren von Männern, die auf eiliger Flucht begriffen gewesen wären, in irgendwelcher Richtung zu entdecken. Das Gras war lang, aber nur da niedergetreten, wo die Verfolgenden es niedergetreten hatten. Die Ränder und Seiten der Gräben waren von feuchter Tonerde, allein an keiner Stelle wollte sich auch nur die mindeste Spur frischer Fußstapfen finden.

«Es ist höchst auffallend», sagte Maylie.

«Höchst auffallend», wiederholte Losberne. «Sogar Blathers und Duff würde der Verstand dabei stillstehen.»

Sie suchten noch immerfort, bis es vollkommen dunkel geworden war, und sahen sich endlich genötigt, ihre Bemühungen ohne alle Hoffnung auf Erfolg aufzugeben. Giles mußte sich die beiden ominösen Männer so gut wie möglich von Oliver beschreiben lassen und wurde darauf in die Bierhäuser des Dorfes abgeschickt, um Nachfragen anzustellen; er kehrte jedoch zurück, ohne die mindeste Auskunft erhalten zu haben, indem man sich doch zum wenigsten des Juden sicher erinnert haben würde, wenn er verweilt, sich etwa einen Trunk reichen lassen oder mit jemand gesprochen hätte.

Am folgenden Morgen wurden die Nachsuchungen und Nachforschungen wiederholt, allein ebenso vergeblich. Am zweiten Tage ging Mr. Maylie mit Oliver nach dem Marktflecken, in der Hoffnung, dort etwas von dem Juden und seinem Begleiter zu sehen, zu hören oder zu erfahren; doch der Versuch zeigte sich nicht minder fruchtlos als alle ihm vorhergegangenen, und nach Verlauf einiger Tage fing die Sache an in Vergessenheit zu geraten.

Rose hatte inzwischen das Krankenzimmer verlassen, konnte wieder ausgehen, war dem Familienkreise zurückgegeben und erfreute aller Herzen durch ihr Aussehen wie durch ihre Gegenwart.

Allein obgleich diese glückliche Veränderung die sichtbarste Wirkung auf den kleinen Kreis hatte und obgleich in Mrs. Maylies Landhäuschen wieder muntere Gespräche und fröhliches Gelächter gehört wurden, so herrschte doch bisweilen eine sonst nicht gewöhnliche Zurückhaltung, was auch Oliver nicht entging. Mrs. Maylie und ihr Sohn entfernten sich oft und lange, und auf Roses Wangen waren Spuren von Tränen bemerkbar. Nachdem der Doktor einen Tag zu seiner Abreise nach Chertsey bestimmt hatte, lag es klar vor Augen, daß etwas vorging, wodurch der Seelenfriede der jungen Dame und noch jemandes gestört wurde.

Als endlich Rose eines Morgens im Wohnzimmer allein war, trat Harry Maylie herein und bat mit einigem Stocken um die Erlaubnis, ein paar Worte mit ihr reden zu dürfen.

«Wenige, sehr wenige werden hinreichen, Rose», sagte der junge Mann, sich zu ihr setzend. «Was ich dir zu sagen habe, ist dir bereits nicht mehr unbekannt; du kennst die süßesten Hoffnungen meines Herzens, obgleich du sie noch niemals aus meinem Munde vernommen hast.»

Rose war bei seinem Eintreten erblaßt, was freilich noch als eine Nachwirkung ihrer Krankheit gedeutet werden konnte. Sie beugte sich über einen ihr nahestehenden Blumentopf und wartete schweigend, daß er fortfahren würde.