«Ich – ich hätte schon früher wieder abreisen sollen», sagte er.

«Ich bin deiner Meinung, Harry», erwiderte Rose. «Vergib mir, daß ich es sage, allein ich wollte, du hättest es getan.»

«Die schrecklichsten und quälendsten aller Befürchtungen haben mich hergetrieben», entgegnete der junge Mann; «die Angst und Sorge, das teure Wesen zu verlieren, auf das sich alle meine Wünsche und Hoffnungen beziehen. Du warst dem Tode nahe – standest bebend zwischen Himmel und Erde. Wenn die Jugendlichen, Schönen und Guten durch Siechtum heimgesucht werden, so wenden sich ihre reinen Geister den ewigen Wohnungen seliger Ruhe zu, und deshalb sinken die Besten und Schönsten unseres Geschlechts so oft in der Blüte ihrer Jugend in das Grab.»

Der holden Jungfrau traten, als sie diese Worte vernahm, Tränen in die Augen, und als eine derselben auf die Blume herabträufelte, über welche sie sich niedergebeugt hatte, und diese verschönend hell in ihrem Kelche glänzte, da war es, als wenn die Ergüsse eines reinen jungen Herzens ihre Verwandtschaft mit den lieblichsten Kindern der Natur geltend machten.

«Ein Engel,» fuhr der junge Mann leidenschaftlich fort, «ein Wesen, so schön und frei von Schuld, wie ein Engel Gottes, schwebte zwischen Leben und Tod. Oh, wer konnte hoffen, daß sie zu den Leiden und Ängsten dieser Welt zurückkehren würde, als die ferne, ihr verwandte ihrem Blicke schon halb geöffnet war! Rose, Rose! es war fast zu viel, um es tragen zu können, zu wissen, daß du gleich einem leisen Schatten, den ein Licht vom Himmel auf die Erde wirft, entschwändest – keine Hoffnung zu haben, daß du denen erhalten würdest, die hier noch weilen, und keinen Grund zu kennen, warum du es solltest – zu wissen, daß du der schöneren Welt angehörtest, wohin so viele Reichbegabte in der Kindheit und Jugend den zeitigen Flug gerichtet – und doch bei all solchen Tröstungen zu flehen, daß du den dich Liebenden wiedergegeben werden möchtest! Das waren meine Gedanken bei Tag und Nacht, und mit ihnen ergriff mich ein so überwältigender Strom von Besorgnissen und Ängsten und selbstsüchtigen Schmerzen, daß du sterben und nie erfahren würdest, wie heiß ich dich liebte, daß er mir in seinen Strudeln Sinn und Verstand fast mit fortriß. Du genasest – Tag für Tag und fast Stunde für Stunde träufelten wieder Tropfen der Gesundheit aus Hygieias Kelche herab und vermischten sich mit dem schwachen, fast versiegten, zögernd in dir umlaufenden Lebensbächlein und schwellten es wieder zum vollen, raschen, munteren Hinrieseln an. Ich habe dich mit Augen, feucht vom heißesten Sehnen und innerster tiefer Herzensneigung, zurückkehren sehen vom Tode zum Leben. Oh, sag' mir nicht, du wünschtest, daß ich meine Liebe aufgegeben haben möchte, denn sie hat mein Herz erweicht und der ganzen Menschheit geöffnet!»

«Das wollte ich nicht sagen», nahm Rose weinend das Wort; «ich wünsche nur, daß du von hier fortgegangen sein möchtest, um dich wieder hohen und edeln Bestrebungen – deiner würdigen Bestrebungen zu widmen.»

«Es gibt keine Bestrebung, die meiner würdiger – des edelsten und herrlichsten Geistes würdiger wäre als das Mühen, ein Herz wie das deinige zu gewinnen», versetzte der junge Mann, ihre Hand ergreifend. «Rose, meine liebe, unnennbar teure Rose, ich habe dich seit – ja, seit Jahren geliebt, jugendlich hoffend und träumend, mein Teilchen Ruhm mir zu erringen und dann stolz heimzukehren und im selben schönen Augenblick dir zu sagen, daß ich das Errungene nur gesucht, um es mit dir zu teilen, dich zu erinnern an die vielen stummen Zeichen einer Jünglingsneigung, die ich dir gegeben, dir dein Erröten dabei in das Gedächtnis zurückzurufen und dann deine Hand wie zur Besiegelung eines unter uns altbestandenen, stillschweigenden Vertrags zu fordern. Die Zeit ist noch nicht gekommen; doch gebe ich dir jetzt, ohne Ruhm geerntet, ohne einen der jugendlichen Träume erfüllt gesehen zu haben, das so lange schon dein gewesene Herz und setze mein Alles auf die Erwiderung, die meiner Anerbietung von dir zuteil wird.»

«Deine Handlungsweise war immer gut und edel», erwiderte Rose, ihre heftige Bewegung unterdrückend. «Glaubst du, daß ich weder fühllos noch undankbar bin, so höre meine Antwort.»

«Geht sie dahin, daß ich mich bemühen soll, dich zu verdienen, teuerste Rose?»

«Dahin, daß du dich bemühen mußt, mich zu vergessen – nicht als deine alte, liebe Gespielin, denn das würde mich unsäglich tief verwunden und schmerzen, sondern als einen Gegenstand deiner Liebe. Blick' hinaus in die Welt – oh, wie viele Herzen gibt es in ihr, die du gleich stolz sein kannst zu gewinnen. Vertraue mir eine Leidenschaft für eine andere an, und ich will dir die wahrhafteste, wärmste und treueste Freundin sein.»