«Hast dich 'nes Bessern besonnen?» sagte Sikes finster, die in ihrem Auge zitternde Träne gewahrend. «Um so besser für dich.»
«Oh, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill», versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.
«Warum nicht?» fuhr er sie an.
«Wie viele, viele Nächte,» sagte sie mit einer Regung von Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse Weichheit gab, – «wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein Wort – sagt nein.»
«Nun ja, ich hätt's nicht getan», sagte Sikes. «Aber Gott verdamm' mich, die Dirne winselt schon wieder!»
«'s ist nichts», seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. «Kümmert Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.»
«Was wird vorüber sein?» fragte Sikes zornig. «Was hast du jetzt wieder für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit deinen Weiberpossen zu Haus!»
Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte, denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe, als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.
«Was gibt es, mein Lieber?» fragte der Jude hereinblickend.
«Kannst der Dirne nicht beispringen?» rief ihm Sikes ungeduldig zu. «Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!»