Der Ton der erzwungenen Heiterkeit, in welchem sie die letzteren Worte gesprochen hatte, schien auf Sikes einen stärkeren Eindruck zu machen als ihr wilder und starrer Blick vorher.
«Ich will dir was sagen», fuhr er verdrießlich fort. «Wenn du nicht vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst bekommst, so ist etwas mehr als Gewöhnliches im Winde und obendrein was Gefährliches. Du willst doch nicht hingehen und – nein, Gott verdamm'! das kannst du nimmermehr!»
«Was kann ich nimmermehr?» fragte das Mädchen.
«Es gibt,» murmelte Sikes, die Blicke auf sie heftend, «es gibt keine zuverlässigere, treuere Dirne in der Welt als sie, oder ich würde ihr vor drei Monaten die Kehle abgeschnitten haben. Sie kriegt das Fieber – das ist das ganze.»
Er leerte das Glas und forderte darauf seine Arznei. Nancy sprang rasch auf, bereitete sie, den Rücken ihm zukehrend, und gab sie ihm ein.
«Jetzt setze dich hier an mein Bett», sagte er, «und nimm dein eigenes Gesicht vor, oder ich ändere es so, daß du es selbst nicht wieder erkennst, wenn du es brauchst.»
Sie tat nach seinem Geheiß, er faßte ihre Hand, sank auf das Kissen und heftete die Augen auf ihr Gesicht. Sie fielen ihm zu, er öffnete sie wieder, blickte starr umher und verfiel endlich in einen tiefen und schweren Schlummer. Der Griff seiner Hand löste sich, der ausgestreckte Arm fiel schlaff nieder, und Sikes lag da wie in dumpfer Betäubung.
«Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt», murmelte sie; «doch vielleicht ist es schon zu spät.»
Sie kleidete sich hastig an, blickte furchtsam umher, als wenn sie trotz des Schlaftrunks jeden Augenblick erwartete, den Druck von Sikes' schwerer Hand auf ihrer Schulter zu fühlen, beugte sich über das Bett, küßte den Mund des Räubers, öffnete und verschloß geräuschlos die Tür und eilte aus dem Hause. Ein Wächter rief halb zehn Uhr, und sie fragte ihn, ob es schon lange nach halb zehn wäre. Er erwiderte, eine Viertelstunde; sie murmelte: «und ich kann erst in einer Stunde dort sein», und eilte rasch weiter.
Sie schlug die Richtung von Spitalfields nach Westend ein. Viele der Läden in den engen Seitengassen, durch die sie ihr Weg führte, waren schon geschlossen. Als es zehn schlug, wuchs ihre Unruhe, zumal da sie vielfach durch das Gedränge in den belebteren Straßen aufgehalten wurde. Sie eilte so ungestüm und rücksichtslos auf Gefahr jeder Art weiter, daß sie von den Fußgängern für eine Verrückte gehalten wurde. Als sie sich Westend näherte, nahm das Gedränge ab, und sie beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Endlich erreichte sie ihren Bestimmungsort: ein schönes Haus in einer Straße nicht weit vom Hydepark. Es schlug eben elf. Sie trat in den Hausflur. Der Sitz des Türstehers war leer; sie blickte ungewiß umher und näherte sich der Treppe.