«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben; daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort, «hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts, der ersten – gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein erretten!»

«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure, engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte, wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen, so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen können; doch es ist zu spät – zu spät.»

«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.

«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen – ich vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»

«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.

«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»

«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»

«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur, daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe, weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch seine Hand sterben müßte.»

«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht fortlassen.»

«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»