«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese: ‚So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter erhielt, verfault in ihrem Sarge.‘ Sie lachten und sprachen von der glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen, daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem Vorteile benutzt haben würde.»
«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.
«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug zufügen. ‚Kurzum, Fagin,‘ sagte er, ‚Jude, der du bist, du hast noch nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders legen werde.‘»
«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.
«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte ihr beständig vor der Seele.
«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund wäre.»
«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war», sagte Rose erblassend.
«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist. Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören. Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»
«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn, welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht werden.»
«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß zurückkehren, weil – ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame, wie Sie sind, über solche Dinge reden? – weil unter den Männern, von welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein – und wenn ich auch dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte, das ich jetzt führe!»