«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich wünsche Ihnen nützlich zu sein.»
«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen habe!»
Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.
41. Kapitel.
Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen, gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.
Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen, das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben gesprochen, in sie, als ein junges, argloses Mädchen, gesetzt hatte. Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.
Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Ort an der Seeküste abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage. Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?
Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte, auch noch die beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl und dachte sich im voraus zu deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruch seiner Entrüstung auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen. Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen, da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte. Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu ziehen, da es ihm – und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen in die Augen – jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf eine andere Art glücklich zu sein.
Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend, brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte, nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu ziehen.
«Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie peinlich wird es für mich sein!» dachte sie sinnend. «Doch vielleicht kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch kommen und mich ängstlich zu meiden suchen – wie damals, als er fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide besser – viel besser»; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte sich hinweg, gleichsam, als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer Tränen wäre.