Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu fürchten wäre.
«Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?» fragte Rose, ihm entgegentretend. «Rede, mein Kind!»
«Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte», erwiderte der Knabe. «Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!»
«Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast, mein Liebling», versetzte Rose besänftigend. «Doch was bedeutet dies alles – von wem ist die Rede?»
«Ich habe den Herrn gesehen,» erwiderte der Knabe, «den Herrn, der so gütig gegen mich war – Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.»
«Wo?» fragte Rose.
«Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus», erwiderte Oliver, indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. «Ich redete ihn nicht an – ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte ja. Sehen Sie,» fuhr er fort, ein Stück Papier entfaltend, «hier steht es; da wohnt er – ich will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können, wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!»
Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen, ‚Craven Street, Strand‘; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.
«Schnell!» sagte sie, «gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen, und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen; ich werde ebenso rasch fertig sein wie du selbst.»
Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße. Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr. Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen. Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und Gamaschen, der nicht besonders wohlwollend aussah und dasaß, die Hände auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf demselben ruhend lassend.