«Jemine, wie du flattieren kannst!» rief Charlotte aus und drückte ihm einen Kuß auf den häßlichen Mund.
«Laß gut sein», sagte Noah mit großer Würde, sich von ihr losmachend; «sei ja nicht zu zärtlich, wenn ich böse mit dir bin. Ich wollte, daß ich Hauptmann 'ner Bande wär', hätte sie unter der Zucht und folgte ihnen allerwärts nach, ohn' daß sie's selber wüßten. Das wär' so was für mich, wenn's guten Profit abwürfe; und hör', wenn's uns nur glückte, daß uns einige Gentlemen von dieser Sorte in den Wurf kämen, es wär' uns soviel wert wie unsere Zwanzigpfundnote – besonders da wir eigentlich nicht wissen, wie wir sie loswerden sollen.»
Mr. Claypole blickte bei diesen Worten mit äußerst weiser Miene in den Porterkrug hinein, trank, nickte Charlotte herablassend zu und stand im Begriff, einen zweiten Zug zu tun, als die Tür sich auftat und die Erscheinung eines Unbekannten ihn unterbrach. Der Unbekannte war Mr. Fagin. Er hatte seine einnehmendste Miene angenommen, näherte sich mit einer sehr tiefen Verbeugung, nahm an einem Tische dicht neben dem, an welchem das Pärchen saß, Platz und rief dem grinsenden Barney zu, ihm einen Trunk zu bringen.
«Ein angenehmer Abend, Sir, nur kühl für die Jahreszeit», hub er händereibend an. «Sie kommen vom Lande herein, wie ich sehe, Sir?»
«Woran sehen Sie denn das?» fragte Noah Claypole.
«Wir haben nicht in London soviel Staub, wie Sie mitbringen», erwiderte der Jude, nach Noahs und Charlottes Schuhen und den Bündeln hinzeigend.
«Sie sind mir ein pfiffiger Gesell», versetzte Noah mit Lachen. «Hör' nur an, was er sagt, Charlotte.»
«Ei nun, mein Lieber, man muß wohl sein pfiffig in dieser Stadt», fuhr der Jude, vertraulich flüsternd, mit dem Finger an die Nase schlagend, fort, – eine Geste, die Noah sogleich nachahmte, doch nicht mit vollständigem Gelingen, da seine Nase nicht groß genug dazu war. Fagin schien jedoch den Versuch so auszulegen, als wenn ihm Noah vollkommen hätte beipflichten wollen, und schob dem letzteren sehr freundschaftlich den soeben von Barney kredenzten Krug zu.
«Gutes Getränk», entgegnete Fagin. «Wer es will immer trinken, muß immer leeren etwas, eine Ladenkasse, eine Tasche, einen Strickbeutel, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.»
Mr. Claypole sank rückwärts auf seinen Stuhl und wandte sein kreideweiß gewordenes und grenzenlos bestürztes Gesicht vom Juden nach Charlotten.