«Was geht das mich an?» fragte Monks.
«Sie wohnten», fuhr Brownlow, anscheinend ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, «in einer Grafschaft, in welche Ihren Vater seine Streifereien geführt, und wo auch er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Bekanntschaft, vertraulicher Umgang und Freundschaft folgten schnell aufeinander. Ihr Vater war begabt, wie es wenige Männer sind – er hatte seiner Schwester Züge und Seele. In dem Maße, wie der alte Offizier ihn kennen lernte, begann er, ihn wahrhaft zu lieben. Daß es dabei geblieben wäre! Doch seine Tochter tat dasselbe.»
Der alte Herr hielt inne, sprach aber bald weiter, da er sah, daß sich Monks in die Lippen biß und die Blicke an den Boden heftete.
«Sie war am Schlusse des Jahres mit Ihrem Vater verlobt, feierlich verlobt, Ihr Vater der Gegenstand der ersten, treuinnigen, glühenden, einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.»
«Ihre Erzählung wird lang», bemerkte Monks, unruhig hin und her rückend.
«Sie ist eine wahre und traurige,» versetzte Brownlow, «und Geschichten dieser Art pflegen lang zu sein; wenn sie von ungetrübtem Glücke handelte, so wäre sie ohne Zweifel sehr kurz. – Endlich starb einer der reichen Verwandten, dessen Einfluß zu verstärken Ihr Vater von Ihrem Großvater geopfert worden war, und hinterließ ihm seine Panazee für alles Wehe – Geld. Er mußte nach Rom eilen, wo der Erblasser gestorben war und seine Angelegenheiten in großer Verwirrung hinterlassen hatte, erkrankte selbst am Tage nach seiner Ankunft und starb nach einiger Zeit, ohne für eine letztwillige Verfügung Sorge getragen zu haben, so daß sein ganzes Vermögen Ihrer Mutter und Ihnen zufiel, die mit Ihnen nach Rom eilte, sobald sie in Paris die Kunde seines Todes erhalten.»
Monks hielt hier den Atem an und hörte Brownlow in großer Spannung zu, obgleich er die Blicke nicht nach ihm hinwandte. Als Brownlow schwieg, veränderte er seine Stellung, wie wenn er sich plötzlich erleichtert fühlte, und fuhr mit dem Tuch über sein glühendes Antlitz. Brownlow sprach langsam und die Blicke fest auf ihn heftend, weiter: «Bevor er außer Landes ging und als er London berührte, kam er zu mir.»
«Davon habe ich nie gehört», unterbrach Monks in einem Tone, der Unglauben ausdrücken sollte, doch mehr auf eine unangenehme Überraschung hindeutete.
«Er kam zu mir und ließ unter anderen Gegenständen ein von ihm selbst gemaltes Bild des unglücklichen Mädchens, seiner Verlobten, zurück, das er in anderen Händen nicht zu lassen wünschte, auf seiner eiligen Reise aber nicht wohl mitnehmen konnte. Er war fast zu einem Schatten zusammengeschwunden, sprach verstört von begangenem Ehrenraube und Verderben, das er angerichtet, und kündigte mir an, daß er entschlossen wäre, sein ganzes Vermögen, ob auch mit großem Verluste, in bares Geld umzuwandeln, Ihrer Mutter und Ihnen einen Teil seiner neu zu erwerbenden Erbschaft auszusetzen, und das Land zu verlassen – ich wußte nur zu wohl, daß er nicht allein gehen würde –, um es nie wiederzusehen. Mehr bekannte er sogar mir, seinem alten Jugendfreunde, nicht, dessen starke Zuneigung in der Erde wurzelte, die sie bedeckte, die beiden so teuer gewesen war. Er versprach mir, zu schreiben und mir alles zu sagen, und mich dann noch ein – das letztemal hienieden, wiederzusehen. Ach, es war schon das letztemal. Ich bekam keinen Brief und sah ihn nicht wieder. Als ich vernahm, daß er tot war, begab ich mich nach dem Schauplatz seiner – wie die Welt es nennen würde – sündlichen Liebe, um, wenn ich meine Befürchtungen wahr geworden fände, dem verirrten Mädchen ein mitleidiges Herz und eine Zuflucht anzubieten. Allein die Familie hatte vor einer kurzen Zeit die Angelegenheiten geordnet und war bei Nacht abgereist, niemand wußte wohin.»
Monks atmete freier und blickte mit einem triumphierenden Lächeln umher. Brownlow rückte seinen Stuhl näher zu ihm und sagte: «Als Ihr Bruder – ein verlorener, schwacher, in Lumpen gehüllter Knabe – nicht durch Zufall, sondern durch eine höhere Fügung in meinen Weg geworfen und von mir gerettet wurde –»