«Nun haben sie ihn, hurra!» schrie ein Mann auf der nächsten, unter der Menschenwucht sich beugenden Brücke, und ein tausendfaches Hurra hallte durch die Luft wider.
«Ich gelobe demjenigen fünfzig Pfund,» rief ein alter, gleichfalls auf der Brücke stehender Herr, «der ihn lebendig greift. Ich will hierbleiben und zahle die Summe auf der Stelle.»
Ein abermaliges allgemeines Geschrei ertönte, in das sich der Ruf mischte, die Tür sei endlich erbrochen; der Menschenstrom flutete nun wieder zu dieser zurück, denn jeder wollte den Mörder von den Polizeibeamten herausbringen sehen. Es entstand das furchtbarste Gedränge, und das Dach wurde für den Augenblick weniger beachtet.
Der Mörder, der, bereits verzweifelnd, unschlüssig dagesessen hatte, faßte jetzt wieder Hoffnung und beschloß, den letzten Rettungsversuch zu wagen und sich auf die Gefahr, im Schlamme zu ersticken, in den Graben hinabzulassen, um womöglich mit Hilfe der Dunkelheit und Verwirrung zu entfliehen. Die Hoffnung gab ihm neue Kraft, der sich ihm nähernde Lärm im Hause stachelte ihn noch mehr an, er sprang auf, erreichte in zwei Augenblicken den Schornstein, befestigte das eine Ende seines Strickes an demselben und hatte im Nu an dem andern eine starke Laufschlinge geknüpft. Er konnte sich mit dem Stricke fast bis auf Manneslänge hinunterlassen und nahm sein Messer zur Hand, um ihn zur rechten Zeit abzuschneiden und sich in den Graben zu werfen.
In demselben Augenblicke, als er die Schlinge über den Kopf warf, um sie unter den Armen zu befestigen, und indem der erwähnte alte Herr laut rief, der Mörder sei im Begriff, sich hinunterzulassen, blickte er hinter sich, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus. «Die Augen – da sind sie wieder!» rief er mit hohler Grabesstimme, wankte, wie von einem Blitzstrahle getroffen, verlor das Gleichgewicht und taumelte vom Dache herunter, die Schlinge war an seinem Halse, und seine Schwere bewirkte, daß sie straff wie eine Bogenschnur und schnell wie ein Pfeil hinauflief. Er fiel fünfunddreißig Fuß – ein plötzlicher Ruck – ein krampfhaftes Gliederzucken – und da hing er mit dem offenen Messer in der zusammengepreßten, steif werdenden Hand.
Der alte Schornstein bebte von der Erschütterung, hielt sie jedoch aus. Der entseelte Mörder schwebte hin und wieder; Charley, dem er die Aussicht versperrte, stieß ihn zur Seite und rief, daß man seiner Gefangenschaft ein Ende machen möchte; der Hund lief mit schrecklichem Geheul auf dem Dache hin und her und sprang endlich hinunter auf die Schulter des Erhängten, vermochte sich aber nicht festzuhalten, stürzte und lag gleichfalls darauf tot da, denn er war mit dem Kopfe gegen einen spitzen Stein gefallen.
51. Kapitel.
Enthüllung mehr als eines Geheimnisses und ein Heiratsantrag ohne Erwähnung eines Leibgedinges oder Nadelgeldes.
Zwei Tage nach den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen befanden sich Mrs. Maylie und Rose, Oliver und der gute Doktor, Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin und noch jemand auf der Reise nach Olivers Geburtsstadt. Oliver vermochte nur schwer seine Gedanken zu sammeln, und den übrigen erging es keineswegs besser. Brownlow hatte ihn und die beiden Damen mit den Monks abgepreßten Aussagen genau bekannt gemacht; und obwohl sie wußten, daß der Zweck ihrer Reise in der Vollendung des so glücklich angefangenen Werkes bestand, so war doch die ganze Sache noch in ein so beträchtliches Dunkel gehüllt, daß die größte Spannung sie folterte, obgleich Brownlow und Losberne die Schreckensauftritte der letzten Tage für jetzt noch verborgen vor ihnen gehalten hatten; und so setzten sie denn ihre Reise schweigend miteinander fort.
Sie gelangten währenddessen auf die Straße, auf welcher Oliver einst entflohen war, und mit Lebhaftigkeit erneuerte sich ihm die Erinnerung an jene Leidenszeit. «Sehen Sie, da, da!» rief er in der höchsten Erregtheit, Roses Hand ergreifend und aus dem Wagenfenster hinauszeigend. «Das ist der Steg, über den ich hinübersprang, und das ist die Hecke, hinter welcher ich fortschlich, und das ist der Fußpfad, der nach dem Hause führt, wo ich mich als kleines Kind aufhielt. O Dick, mein lieber Dick, wenn ich dich doch jetzt auch sehen könnte!»