«Du wirst ihn bald sehen», sagte Rose; «sollst ihm sagen, wie glücklich du geworden bist und wie dich nichts so sehr freute, als daß du gekommen seiest, um ihn an deinem Glücke teilnehmen zu lassen.»
«Ja, ja! Und wir wollen ihn mit uns fortnehmen, ihn kleiden, und er muß an einen guten Ort, wo er stark und gesund werden kann – nicht wahr?»
Rose nickte bejahend, denn der Knabe lächelte durch so selige Tränen, daß sie keines Wortes mächtig war.
«Sie werden freundlich und liebevoll zu ihm sein,» fuhr Oliver fort, «denn Sie sind es gegen jedermann. Ich weiß es, Sie werden weinen müssen, wenn Sie hören, was er Ihnen wird erzählen können, aber auch wieder lächeln, wie Sie es bei mir taten, als ich so ganz anders geworden war. Er sagte, als ich fortlief: ‚Geh mit Gott, Gottes Segen begleite dich!‘ oh, und ich will nun sagen: ‚Gottes Segen sei mit dir‘, und ihm zeigen, wie lieb ich ihn dafür habe!»
Als sie endlich durch die engen Straßen der Stadt fuhren, war Oliver wie außer sich. Da war des Leichenbestatters Haus, nur weit kleiner und lange nicht so stattlich, wie es ihm vormals erschienen war, und alle wohlbekannten Gebäude und Läden und Gamfields Karren wie sonst vor dem Gasthause, und das Armenhaus, das traurige Gefängnis seiner Kinderzeit, mit den düsteren Fenstern, und am Tore stand derselbe hagere Pförtner. Oliver schreckte unwillkürlich zurück, lachte über sich selbst, so töricht zu sein, und weinte und lachte aber- und abermals. So viele Gesichter an den Türen und Fenstern erkannte er wieder; es war ihm, als wenn er die Stadt erst gestern verlassen hätte und als wenn seine letzte Zeit nur ein glücklicher Traum gewesen wäre.
Allein sie und die Gegenwart waren Wirklichkeit. Die Reisenden fuhren vor dem ersten Gasthause vor, das Oliver einst wie einen Palast angestaunt hatte, und Mr. Grimwig empfing sie dienstbeflissen, küßte die alte und junge Dame und war lauter Lächeln und Freundlichkeit, als wenn er aller Großvater wäre und nicht von fern daran dächte, seinen Kopf aufzuessen, nicht einmal, als er einem sehr alten Postillon widersprach und es besser zu wissen behauptete, welcher Weg der nächste nach London wäre, obwohl er denselben nur ein einziges Mal gekommen, und obendrein im Schlafe. Die Zimmer und das Mittagessen standen bereit, und alles war wie durch Zauber geordnet.
Man kleidete sich um, kam wieder zusammen, und dieselbe Stille und Zurückhaltung begann wieder zu herrschen. Brownlow erschien nicht beim Mittagessen; die beiden andern Herren liefen mit wichtigen Mienen aus und ein und flüsterten miteinander, wenn sie im Zimmer waren. Endlich wurde auch Mrs. Maylie hinausgerufen und kehrte erst nach einer Stunde mit rotgeweinten Augen zurück. Dieses alles versetzte Rose und Oliver, die in die neuesten Geheimnisse nicht eingeweiht waren, in große Unbehaglichkeit und Unruhe. Sie saßen stumm da, und wenn sie bisweilen ein paar Worte sprachen, so geschah es flüsternd, als ob sie den Laut ihrer eigenen Stimmen fürchteten.
Es war neun Uhr geworden, und sie fingen an zu glauben, daß sie vor morgen nichts mehr hören würden, als die Herren Losberne, Grimwig und Brownlow mit einem Manne hereintraten, bei dessen Erblicken Oliver im Begriff war laut aufzuschreien. Sie sagten ihm, es wäre sein Bruder, und es war derselbe, den er in dem Städtchen mit Fagin am Fenster seines kleinen Zimmers gesehen hatte. Monks oder Charles Leeford setzte sich unweit der Tür und konnte sich auch jetzt nicht enthalten, dem erstaunten Knaben einen Blick giftigen Grolls zuzuwerfen. Brownlow trat mit Papieren in der Hand an den Tisch, in dessen Nähe Rose und Oliver saßen.
«Diese in London vor mehreren Herren unterzeichneten Erklärungen», hub er an, «müssen im wesentlichen hier wiederholt werden, so peinlich es allen Beteiligten auch sein mag. Ich hätte Ihnen die Demütigung gern erspart, allein es ist notwendig, daß wir Ihre Aussage aus Ihrem eigenen Munde hören, und Sie wissen, warum.»
«Fahren Sie fort», sagte Monks, sich abwendend. «Rasch. Ich habe genug getan. Halten Sie mich nicht auf!»