«Dieser Knabe», sprach Brownlow weiter, die Hand auf Olivers Kopf legend, «ist Ihr Halbbruder, der Sohn Ihres Vaters, meines teuren Freundes Edwin Leeford, von der jungen Agnes Fleming, der die Geburt des Kindes das Leben kostete.»
«Ja», sagte Monks, dem zitternden Knaben, dessen Herzschläge er fast zu hören meinte, fortwährend finster-grollende Blicke zuwerfend. «Er ist der Bastard.»
«Der Ausdruck, dessen Sie sich bedienen», entgegnete Brownlow im Tone strengen Tadels, «enthält einen Vorwurf gegen Verstorbene, die den kurzsichtigen Richtersprüchen dieser Welt längst entrückt sind, und beschimpft keinen Lebenden, Sie selbst ausgenommen. Doch genug davon. Der Knabe ist in dieser Stadt geboren?»
«Im Armenhause dieser Stadt. Sie haben es da aufgezeichnet.»
«Die hier Anwesenden müssen es auch hören.»
«So hören Sie. Als sein Vater in Rom erkrankt war, begab sich seine Frau, meine Mutter, zu ihm – soviel ich weiß, um sein Vermögen an sich zu nehmen, denn sie hatte keine Zuneigung zu ihm, wie er nicht zu ihr. Sie nahm mich mit. Er kannte uns nicht. Denn er lag schon ohne Bewußtsein und schlummerte bis zum folgenden Tage fort, an dem er starb. In seinem Schreibtische befand sich ein Päckchen Papiere, datiert vom ersten Tage seiner Krankheit und adressiert an Sie, Mr. Brownlow, mit der Bemerkung, daß es erst nach seinem Tode zu befördern sei. Das Päckchen enthielt ein Schreiben an Agnes Fleming und ein Testament. Das Schreiben war voll von reuigen Bekenntnissen seiner gegen sie angewandten Verführungskünste und Bitten zu Gott um Beistand für sie. Es fehlten zu der Zeit nur noch ein paar Monate bis zu ihrer Entbindung. Er sagte ihr, was er zu tun beabsichtigte, ihre Unehre zu verbergen, wenn er am Leben bliebe, und flehte sie an, falls er sterbe, seinem Andenken nicht zu fluchen, oder zu glauben, daß sein und ihr Vergehen an ihr und ihrem Kinde heimgesucht werden würde, denn die ganze Schuld wäre sein. Er erinnerte sie an den Tag, an welchem er ihr das kleine Schloß geschenkt und den Ring mit ihrem Taufnamen und einem offenen Raume für den Namen, den er gehofft auf sie übertragen zu können; bat sie, das Geschmeide, wie sonst, auf ihrem Herzen zu bewahren, und wiederholte dann das alles aber- und abermals, als wenn er von Sinnen gewesen wäre – was, wie ich glaube, auch wirklich der Fall gewesen ist.»
«Aber das Testament», fiel Brownlow ein, da Oliver schmerzliche Zähren über die Wangen hinabliefen, «war in demselben Sinne und Geiste abgefaßt. Er sprach darin von dem Elende, das ihm seine Frau bereitet, von der frühen Bosheit und Ruchlosigkeit seines einzigen in Haß gegen ihn erzogenen Sohnes und vermachte Ihnen und Ihrer Mutter Jahrgelder von je achthundert Pfund. Die Masse seines Vermögens teilte er in zwei gleiche Teile und bestimmte den einen für – Agnes Fleming, und den andern für sein und ihr Kind, wenn es lebendig geboren würde und die Jahre der Mündigkeit erreichte. Wenn es ein Mädchen wäre, so sollte ihm die Erbschaft bedingungslos zufallen; wäre es aber ein Knabe, so sollte sie an die Bedingung geknüpft sein, daß der Erbe bis zu den Jahren der Mündigkeit seinen Namen durch keinerlei öffentliches Vergehen befleckte. Ihr Vater traf diese Bestimmung, wie er sagte, um dadurch sein Vertrauen zu der Mutter und seine, durch den herannahenden Tod nur verstärkte Überzeugung darzulegen, daß ihr Kind ihre Tugenden, ihre edlen Gesinnungen erben würde. Wenn seine Voraussetzung nicht einträfe, sollte das Geld Ihnen zufallen; denn nur, wenn beide Kinder einander gleich wären, sollte Ihr früherer Anspruch auf sein Vermögen anerkannt sein, der Sie keine Ansprüche auf sein Herz, und ihm von der frühesten Kindheit an Kälte und Abneigung bewiesen hätten.»
«Meine Mutter», nahm Monks, und zwar mit lauterer Stimme, wieder das Wort, «tat, was einer Mutter zukam – sie verbrannte dieses Testament. – Das Schreiben gelangte nie an seine Adresse, sie bewahrte es aber nebst anderen Dokumenten auf, falls die Flemings den Versuch machen sollten, den Makel abzuleugnen. Agnes' Vater vernahm die Wahrheit über sie mit jeder Übertreibung und Vergrößerung, die ihr bitterer Haß – wofür ich sie jetzt liebe, hinzuzufügen vermochte. Sein verletztes Ehrgefühl bewog ihn, sich mit seinen Kindern nach einem entlegenen Orte in Wales zu begeben und, um desto gewisser selbst seinen Freunden verborgen zu bleiben, sogar seinen Namen zu verändern. Er wurde nicht lange darauf tot in seinem Bette gefunden. Die Tochter war einige Wochen zuvor heimlich entwichen. Er hatte selbst die Umgegend nach ihr durchstreift, war aber mit der Überzeugung zurückgekehrt, daß sie sich den Tod gegeben, und überlebte seinen Kummer nur wenige Stunden.»
Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, bis Brownlow den Faden der Erzählung wieder aufnahm. «Nach Jahren,» sagte er, «erschien dieses jungen Mannes – Eduard Leefords – Mutter bei mir. Er hatte sie in seinem achtzehnten Jahre verlassen, sie ihrer Juwelen und ihres Geldes beraubt, hatte gespielt, vergeudet, gefälscht und war nach London gegangen, wo er sich dem schlechtesten Gesindel zugesellte. Sie litt an einer schmerzhaften und unheilbaren Krankheit und wünschte ihn vor ihrem Tode noch wiederzusehen. Es wurden die genauesten Nachforschungen angestellt, welche endlich Erfolg hatten. Er ging mit ihr nach Frankreich zurück.»
«Und sie starb dort,» fiel Monks ein, «nachdem sie lange auf dem Siechbette gelegen; kurz vor ihrem Tode vermachte sie mir diese Geheimnisse, samt ihrem unauslöschlichen und tödlichen Hasse gegen alle in diese Angelegenheit Verwickelten, was jedoch unnötig war, denn er lebte schon seit langer Zeit in mir. Sie wollte es nicht glauben, daß das Mädchen sich und dem Kinde den Tod gegeben, sondern hielt sich überzeugt, daß ein Knabe geboren und am Leben wäre. Ich schwur ihr, wenn je das Dasein eines solchen zu meiner Kunde gelangte, ihm nachzuspüren, ihm nimmer Ruhe zu lassen, ihn mit der bittersten, unversöhnlichsten Feindschaft zu verfolgen, allen Haß an ihm auszulassen, dessen mein Innerstes fähig war – ihn, den hochtrabenden Worten des beleidigenden Testaments zum Hohne, an den Galgen zu bringen. Sie hatte recht gehabt. Er kam mir endlich in den Weg; ich machte einen guten Anfang – und würde – ja, würde geendet haben, wie begonnen, wenn nicht eine schwatzmäulige Trulle meine Anschläge vereitelt hätte!»