«Ja – sie lehnt an Ihrem Arme.»
Rose war einer Ohnmacht nahe. Mrs. Maylie schloß sie in die Arme und rief aus: «Du bist und bleibst meine liebe Nichte – mein über alles teures Kind. Ich möchte dich um alle Schätze der Welt nicht verlieren.»
«Sie sind die einzige Freundin, die ich jemals hatte,» schluchzte Rose, «sind mir stets die liebreichste, beste Mutter gewesen. O wie soll ich dieses alles ertragen!»
«Du hast mehr erduldet und hast dich unter jeglichem Leid als das beste, herrlichste Mädchen gezeigt und von jeher alle froh und glücklich gemacht, die dich kannten. Aber schau hier, wer es ist, der sich sehnt, dich in die Arme zu schließen.»
«Oh, ich werde sie niemals Tante nennen», rief Oliver. «Meine Schwester, meine liebe Schwester. Es war etwas in meinem Herzen, das mich von Anfang an trieb, sie so innig zu lieben. O Rose, meine beste Rose!»
Mögen die Tränen, welche geweint, die abgebrochenen Worte, die in der Umarmung der beiden Waisen gewechselt wurden, geheiligt sein! Ein Vater, eine Schwester und Mutter waren in demselben Augenblick gewonnen und verloren; Freude und Schmerz gemischt in der Schale; doch war keine Zähre eine bittere, denn auch der Schmerz war so gemildert, und so süße, wonnige Gedanken gesellten sich ihm, daß er in eine hohe Freude verwandelt wurde und ganz seinen Stachel verlor.
Sie waren eine lange, lange Zeit allein. Endlich wurde leise geklopft, Oliver öffnete die Tür, schlich hinaus und Harry Maylie stand im Zimmer.
«Ich weiß alles», sagte er, neben der lieblichen Jungfrau Platz nehmend. «Teure Rose, ich weiß alles, – wußte es gestern schon – und komme, dich an ein Versprechen zu erinnern. Du gabst mir die Erlaubnis, jederzeit innerhalb eines Jahres auf den Gegenstand unserer letzten Unterredung zurückzukommen – nicht in dich zu dringen, deinen Entschluß zu ändern, dich ihn wiederholen zu hören, wenn du wolltest. Ich sollte dir zu Füßen legen dürfen, was ich besäße, nur ohne den Versuch zu machen, wenn du bei deinem Beschlusse beharrtest, ihm untreu zu werden.»
«Dieselben Gründe, welche mich damals bestimmten, bestimmen mich noch jetzt», erwiderte Rose mit Festigkeit. «In welchem Augenblicke könnte ich lebhafter empfinden, was ich der edlen Frau schuldig bin, die mich von einem leiden- und vielleicht schmachvollen Leben errettet hat? Ich habe einen Kampf zu kämpfen, bin aber stolz darauf, ihn zu bestehen; er ist ein schmerzlicher, aber mein Herz wird nicht erliegen.»
«Die Enthüllungen dieses Abends –»