Abermals trat eine Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Vorsitzenden gewandt. Horch!

Sie baten nur um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

Er forschte, als sie einer hinter dem andern hinausgingen, in ihren Mienen, wohin wohl die Mehrzahl neigen möchte; allein vergeblich. Der Kerkermeister berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und ließ sich auf einen Stuhl nieder, den jener ihm wies, denn er würde ihn sonst nicht gesehen haben.

Er schaute abermals nach den Zuhörern. Einige aßen und andere wehten sich mit den Tüchern Kühlung zu. Ein junger Mann zeichnete sein Gesicht in eine Brieftasche. Fagin dachte, ob die Zeichnung wohl ähnlich werden möchte, und sah zu, als der Zeichner seinen Bleistift spitzte, wie es jeder unbeteiligte Zuschauer hätte tun können.

Er wandte sich nach dem Richter und begann sich innerlich mit dem Anzuge desselben zu beschäftigen – von welchem Schnitte er wäre und was er kosten dürfe. Auf der Richterbank hatte ein alter, beleibter Herr gesessen, der sich entfernt hatte und jetzt zurückkehrte, und Fagin überlegte, ob der Herr zu Mittag gespeist und wo er gesessen, und was dergleichen Gedanken mehr waren, bis ein neuer Gegenstand neue Gedanken in ihm erweckte.

Trotzdem war freilich sein Gemüt keinen Augenblick von dem peinigenden und drückenden Gefühle frei, daß sich das Grab zu seinen Füßen öffnete; es schwebte ihm fortwährend vor, aber undeutlich und unbestimmt, und er vermochte seine Gedanken nicht dabei festzuhalten. Und so geschah es, daß er, während bald Fieberhitze ihn ergriff und es ihn bald mit kaltem Schauder überlief, die eisernen Stäbe der Anklagebank zählte, die er vor sich sah, und bei sich selber dachte, wie es wohl gekommen sein möchte, daß einer derselben abgebrochen wäre; und ob man wohl einen neuen einschlagen würde oder nicht. Dann schweiften seine Gedanken wieder zu den Schrecken des Galgens und Schafotts ab, bis ein Aufwärter den Boden mit Wasser besprengte, was jenen abermals eine andere Richtung gab.

Endlich wurde Stille geboten, und alle Blicke waren plötzlich auf die Tür gerichtet. Die Geschworenen kehrten zurück und gingen dicht an ihm vorüber. Die Gesichter der Geschworenen waren wie von Stein, er vermochte nichts darin zu lesen. Es trat eine Stille ein – vollkommen – atemlos – Schuldig!

Der Saal hallte von einem erschütternden Rufe wider, der sich mehrmals wiederholte und durch ein donnerndes Geschrei beantwortet wurde, durch welches die Menge draußen ihren Jubel ausdrückte, daß der Verurteilte am Montag sterben müsse.

Er wurde gefragt, ob er etwas zu sagen wisse, weshalb die Urteilsvollziehung nicht statthaben möchte. Er hatte seine horchende Stellung wieder angenommen und blickte den Richter scharf an, der jedoch die Frage zweimal wiederholen mußte, ehe der Jude sie zu vernehmen schien, der endlich nur murmelte, er wäre ein alter Mann – ein alter Mann – ein alter Mann. Seine Stimme verlor sich in leises Flüstern, und bald schwieg er gänzlich.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, – der Verurteilte stand noch immer da mit derselben Miene in derselben Stellung. Die ernste Feierlichkeit des Augenblicks preßte einer Frau einen Ausruf aus – er blickte hastig und lauschend empor – stand aber da gleich einer Bildsäule, obgleich der Ton, das Wort, alle Anwesenden durchbebte. Er blickte noch immer starr vor sich hin, als ihm der Kerkermeister die Hand auf den Arm legte und ihm winkte. Er sah ihn einen Augenblick wie betäubt an und gehorchte.