Er wurde hinunter in einen gepflasterten Raum geführt, wo einige Angeklagte warteten, bis die Reihe an sie käme, und andere sich mit ihren Freunden unterredeten, die sich an dem in den Hof öffnenden vergitterten Fenster gesammelt hatten und unter denen niemand war, der mit ihm gesprochen hätte, die aber alle bei seiner Annäherung zurücktraten, um ihn der Volksmenge draußen hinter den Eisenstäben sichtbarer zu machen; und er wurde laut mit Schimpfnamen, Geschrei und Gezisch begrüßt. Er schüttelte die Faust und würde die Nächststehenden angespien haben, allein seine Führer drängten ihn rasch fort durch einen düsteren, nur von wenigen matt brennenden Lampen erleuchteten Gang in das Innere des Gefängnisses, wo er durchsucht wurde, ob er nicht etwa an seiner Person die Mittel hätte, dem Gesetze vorzugreifen. Endlich brachten sie ihn in eine der Armesünderzellen und ließen ihn darin – allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Sitz und Lager diente, heftete die blutunterlaufenen Augen auf den Boden und bemühte sich, seine Gedanken zu sammeln. Nach einiger Zeit begann er sich einzelner Bruchstücke der Anrede des Richters zu erinnern, obwohl es ihm, während sie gesprochen worden, gewesen war, als wenn er kein Wort hören könnte. Ein Teil fügte sich allmählich zum andern, und endlich stand das Ganze fast vollständig klar vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre – das war das Ende gewesen. Aufgehängt zu werden, bis er tot wäre.

Es wurde dunkel, sehr dunkel, und er fing an, aller derer zu gedenken, die er gekannt und die auf dem Schafott gestorben waren – einige durch seine Schuld oder auf seinen Betrieb. Sie tauchten in so rascher Folge vor ihm auf, daß er sie kaum zu zählen vermochte. Er hatte mehrere von ihnen sterben sehen – und sie verspottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen verschieden waren. Wie gedankenschnell sie aus starken, kräftigen Männern in baumelnde Fleischklumpen verwandelt waren!

Mancher von ihnen hatte vielleicht dasselbe Gemach bewohnt – auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr finster – warum wurde kein Licht gebracht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Hunderte mußten ihre letzten Stunden darin verlebt haben – man saß darin wie in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe – und viele derselben hatten wohlbekannte Gesichter – Licht, Licht!

Endlich, als er sich die Hände an der eisenverwahrten Tür fast blutig geschlagen hatte, erschienen zwei Männer, deren einer ein Licht trug, das er auf einen eisernen, in der Mauer befestigten Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hinter sich herzog, um darauf die Nacht zuzubringen, denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Dann kam die Nacht – die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, die Kirchglocken schlagen zu hören, die vom Leben zeugen und den nahenden Tag verkünden. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. Jedes Anschlagen des eisernen Klöppels führte ihn zu dem einen hohlen Schall – Tod. Was nützte das Geräusch des geschäftigen, heiteren Morgens, das selbst in den Kerker und zu ihm drang? Es war Totengeläute anderer Art, das noch den Hohn zur schrecklichernsten Mahnung hinzufügte.

Der Tag verging – Tag! Da war kein Tag; er war so bald entschwunden wie angebrochen, und abermals kam die Nacht – Nacht! So lang und doch so kurz; lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz nach ihren flüchtigen Stunden. Jetzt redete der Elende irre und stieß Gotteslästerungen aus – dann heulte er und zerraufte sein Haar. Ehrwürdige Männer seines Glaubens waren gekommen, mit ihm zu beten, allein er hatte sie mit Verwünschungen hinausgetrieben. Sie erneuerten ihre menschenfreundlichen Versuche und mußten seinen gewalttätigen Drohungen weichen.

Sonnabend – nur noch eine einzige Nacht! Und während er noch sann und sann: nur noch eine einzige Nacht! dämmerte es schon – Sonntag!

Erst am Abend dieses schauervoll-bangen Tages ward seine verpestete Seele von einem vernichtenden Gefühle ihrer verzweifelten Lage ergriffen. Nicht, daß er auch nur von fern eine bestimmte Hoffnung, Gnade zu erlangen, gehegt hätte; er hatte es nur noch nicht über sich vermocht, den Gedanken, so bald sterben zu müssen, klar und deutlich auszudenken. Er hatte nur wenig zu den beiden Männern gesprochen, die sich einander bei ihm ablösten, und sie hatten sich ihrerseits nicht um ihn gekümmert. Er hatte wachend dagesessen, aber geträumt. Jetzt sprang er von Minute zu Minute auf und rannte mit keuchendem Munde und brennender Stirn in entsetzlicher Furcht- und Zorn- und Grimmanwandlung auf und nieder, daß sie sogar – die an dergleichen Gewöhnten – schaudernd vor ihm zurückbebten. Er wurde zuletzt unter den Folterqualen seines bösen Gewissens so fürchterlich, daß keiner es ertragen konnte, allein bei ihm zu sitzen und ihn vor Augen zu haben, – daß seine Wärter beschlossen, miteinander Wache bei ihm zu halten.

Er kauerte auf seinem Steinbette nieder und dachte der Vergangenheit. Er war bei seiner Abführung in das Gefängnis verwundet worden und trug deshalb ein leinenes Tuch um den Kopf. Sein rotes Haar hing auf sein blutloses Gesicht herunter; sein Bart war zerzaust und in Knoten gedreht; aus seinen Augen leuchtete ein schreckliches Feuer; seine ungewaschenen Glieder bebten von dem in ihm brennenden Fieber. Acht – neun, zehn! Wenn man die Glocken vielleicht nicht schlagen ließ, bloß um ihn mit Schrecken zu erfüllen, wenn sie die einander auf den Fersen folgenden Stunden wirklich anzeigten – wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Noch ein Schlag, ehe die Stimme der letzten Stunde verklungen war. Um acht Uhr war er, wie er sich sagte, der einzige Leidtragende zu seinem eigenen Grabgefolge; um elf –