Newgates schreckliche Mauern, die so viel Elend und so unaussprechliche Angst und Pein nicht bloß vor den Augen, sondern nur zu oft und zu lange auch vor den Gedanken der Menschen verbargen, umschlossen nie ein so entsetzliches Schauspiel wie dieses. Die wenigen Vorübergehenden, die etwa stillstanden und bei sich dachten, was der Verurteilte wohl vornehmen möchte, der am folgenden Tage hingerichtet werden sollte, würden die Nacht darauf gar schlecht geschlafen haben, wenn sie ihn im selben Augenblicke hätten sehen können.

Vom Abend bis fast um Mitternacht traten bald einzelne, bald mehrere zu dem Pförtner, fragten in großer Spannung, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei, und teilten die willkommene Verneinung andern, in Haufen Stehenden mit, die auf die Tür hinwiesen, aus welcher er kommen müßte, die Stelle zeigten, wo das Schafott errichtet werden würde, sich widerstrebend entfernten und im Fortgehen die zu erwartende Szene sich im voraus ausmalten. Endlich waren alle heimgekehrt und die Straßen umher auf eine Stunde in der Mitte der Nacht der Einsamkeit und Finsternis überlassen.

Der Raum vor dem Gefängnisse war gesäubert, und man hatte einige starke, schwarz bemalte Schranken, dem vorauszusehenden großen Gedränge zu wehren, errichtet, als Mr. Brownlow mit Oliver an dem Pförtchen erschien und eine Sheriffserlaubnis vorwies, den Verurteilten sehen zu dürfen. Sie wurden sogleich eingelassen.

«Soll der kleine Herr auch mit hinein, Sir?» fragte der Schließer, der ihnen zum Führer gegeben war. «'s ist kein Anblick für Kinder, Sir.»

«Freilich nicht, mein Freund», erwiderte Brownlow; «allein was ich bei dem Manne zu tun habe, hat auch auf den Knaben sehr genauen Bezug, und da er ihn als glücklichen Frevler gekannt hat, so halte ich es für gut, daß er ihn auch jetzt sehe, ob es auch einen etwas peinlichen Eindruck bei ihm hervorbringen mag.»

Die Worte waren leise gesprochen. Der Schließer berührte den Hut, blickte mit einiger Neugier nach Oliver und ging ihnen voran, zeigte ihnen das Tor, aus welchem der Verurteilte kommen würde, machte sie aufmerksam auf das an ihr Ohr dringende Hämmern der das Schafott erbauenden Zimmerleute und öffnete ihnen endlich die Tür der Zelle des Juden.

Dieser saß auf seinem Bette, wiegte sich hin und her, und sein Gesicht glich mehr dem eines eingefangenen Tieres als einem menschlichen Antlitze. Er gedachte offenbar seines alten Lebens, denn er murmelte, Brownlow und Oliver sehend und doch nicht sehend, vor sich hin: «Guter Junge, Charley – gemacht brav – und auch Oliver – ha, ha, ha, Oliver – und sieht aus wie ein Junker – ganz wie ein – bringt ihn fort – zu Bett mit dem Buben!»

Der Schließer faßte Oliver bei der Hand und flüsterte ihm zu, daß er ohne Furcht sein möchte.

«Zu Bett mit ihm!» rief der Jude. «Hört Ihr nicht? Er – er ist – ist an diesem allen schuld. 's ist des Geldes wert, ihn zu erziehen dazu – Bolters Kehle, Bill; kümmert Euch um die Dirne nicht – Bolters Kehle, so tief Ihr könnt schneiden. Sägt ihm ab den Kopf.»

«Fagin», sagte der Schließer.