Er mochte ungefähr so alt sein wie Oliver selbst, der nie einen so absonderlichen Kauz gesehen. Er hatte eine Stumpfnase und eine platte Stirn, sah höchst ordinär und schmutzig aus, und seine ganze Haltung und sein Benehmen war wie das eines Mannes. Er war klein für sein Alter, hatte Dachsbeine und kleine, scharfe, häßliche Augen. Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopfe, als wenn er jeden Augenblick herunterfallen müßte, und er würde auch heruntergefallen sein, wenn er nicht durch häufige rasche Kopfbewegungen seines Besitzers immer wieder zurechtgerückt oder befestigt worden wäre. Die Kleidung des Kleinen war gleichfalls nichts weniger als knabenhaft, und die ganze Figur stellte das vollkommene Bild eines renommierenden, prahlhaften kleinen Helden von vier Fuß Höhe dar.
«Was fehlt dir, Bursch? Was scheft dermehr?»[B] redete er Oliver an.
«Ich bin sehr hungrig und müde», erwiderte Oliver, mit Tränen in den Augen. «Ich komme weit her und bin seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen.»
«Weit her – hm! – seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen? – Ah – sehe schon – auf Oberschenkels Befehl – he? Doch,» fügte er hinzu, als er Olivers verwunderte Miene gewahrte, «du scheinst nicht zu wissen, was ä Oberschenkel ist, mein guter Kochemer[C].»
Oliver erwiderte schüchtern, er wisse allerdings sehr wohl, daß man unter einem Oberschenkel den oberen Teil eines Beines verstehe.
«Ha, ha, ha! Wie grün!» rief der junge Gentleman aus. «Ä Oberschenkel ist ä Friedensrichter, wer auf 'nes Oberschenkels Befehl geht, kommt nicht vorwärts, sondern geht immer 'nauf, ohne wieder 'runter zu kommen. Noch nicht in der Mühle gewesen?»
«In was für einer Mühle?» fragte Oliver.
«Ei, in der, die in ä Doves[D] Platz hat. Doch du bist butterich[E]; ich hab' freilich auch nicht eben zu viel Massumme[F], aber so weit's zureicht, will ich rausrücken und blechen. Steh auf – komm!»
Der junge Gentleman half Oliver aufstehen und nahm ihn mit sich in sein Gasthaus, wo er Brot und Schinken bringen ließ und ihn sehr aufmerksam beim Essen beobachtete. Als sich Oliver endlich gesättigt, warf er die Frage hin: «Nach London?»
«Ja.»