«Ja, ja, sie geht doch», wiederholte Sikes.
Und er hatte recht. Nancy ließ sich endlich durch Geschenke, Versprechungen und Drohungen bewegen, den Auftrag zu übernehmen. Auch hatte sie in der Tat weniger als ihre Freundin zu besorgen, mit einem ihrer zahlreichen Bekannten zusammenzutreffen, da sie erst seit ganz kurzer Zeit die entlegene, sehr anständige Vorstadt Ratcliffe mit der Gegend von Fieldlane vertauscht hatte. Der Jude staffierte sie aus seinen unerschöpflichen Vorräten so aus, wie es dem Zwecke am angemessensten erschien, und gab ihr einen Korb und einen Hausschlüssel in die Hand.
«Ach, mein Bruder! mein armer, lieber, kleiner Bruder», begann Nancy mit überströmenden Tränen und händeringend zu wehklagen. «Ach, was ist aus meinem Bruder geworden – wo soll ich ihn finden? O haben Sie Erbarmen, liebe Herren, und sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist!»
Ihre Zuhörer waren entzückt; sie hielt inne, blinzelte lächelnd und bedeutungsvoll und verschwand.
«Die Nancy ist 'ne gescheite Dirne», sagte der Jude mit feierlichem, nachdenklichem Kopfnicken zu seinen beiden jungen Freunden, als wenn er sie mahnen wollte, das eben geschaute glänzende Beispiel nachzuahmen.
«Sie ist 'ne Zierde ihres Geschlechts», stimmte Sikes, sein Glas füllend und nachdrücklich auf den Tisch schlagend, ein. «Sie lebe hoch, und möchten ihr alle gleich werden!»
Die Vielgepriesene eilte unterdes nach dem Polizeiamte, wo sie bald, trotz ein wenig natürlicher Schüchternheit, allein und ohne Beschützer die Straßen zu durchwandern, glücklich und ohne Gefährde anlangte. Nach einigen mißlungenen Versuchen wendete sie sich weinend und wehklagend an den Gefängniswärter, von welchem sie in Erfahrung brachte, daß Olivers Unschuld ans Licht gekommen und daß er von dem beraubten Herrn mit fortgenommen worden sei, der in der Gegend von Pentonville wohne, wohin zu fahren er den Kutscher angewiesen habe. Mit dieser Auskunft kehrte sie zum Juden zurück.
Sobald sie ihren Bericht erstattet hatte, rief Bill Sikes hastig seinen Hund, stülpte den Hut auf den Kopf und entfernte sich, ohne sich Zeit zu der Formalität zu nehmen, der Gesellschaft einen guten Morgen zu wünschen.
«Wir müssen ihn ausfindig machen; wir müssen wissen, wo er steckt», sagte der Jude in großer Aufregung. «Charley, geh auf die Lauer, bis du etwas von ihm siehst oder hörst. Beste Nancy, ich muß ihn wiederhaben – ich verlasse mich ganz auf dich und den Baldowerer. Da, da habt ihr Geld. Ich entferne mich heut' abend von hier – ihr wißt, wo ich zu finden bin. Macht, daß ihr fortkommt – ihr dürft keinen Augenblick länger hierbleiben.»
Er stieß alle hinaus, verschloß die Tür hinter ihnen und steckte seine Kostbarkeiten zu sich. «Er hat nichts ausgeschwatzt auf der Polizei», murmelte er; «tut er's aber gegen die Leute, bei denen er sich jetzt aufhält – wir werden ihn wiederbekommen und wollen ihm schon stopfen den Mund.»