«Und beim allmächtigen Gott, ich bin es!» rief sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; «und ich wollte lieber, daß ich auf der Straße tot niedergefallen oder in das Gefängnis geworfen wäre, statt derer, denen wir so nahe waren, als daß ich mich dazu hergegeben hätte, ihn hierher zu bringen. Er ist von heute abend an ein Dieb, ein Lügner, ein Mörder, ein Teufel und alles, was nur schlecht und verworfen heißen mag; – ist das nicht genug für den alten Halunken – muß er ihn obendrein schlagen?»
«Hört, Bill,» fiel der Jude dringend und nach dem mit gespanntem Ohr zuhörenden Knaben hindeutend ein, «wir müssen freundliche Worte gebrauchen, freundliche Worte, Bill.»
«Freundliche Worte!» schrie das in seiner Wut schrecklich aussehende Mädchen; «freundliche Worte, Ihr Schuft! Ja, die verdient Ihr auch von mir! Ich habe gestohlen für Euch, als ich noch nicht halb so alt war wie dies Kind hier, und bin in demselben Geschäft und demselben Dienst seit zwölf Jahren gewesen; wißt Ihr das nicht? Sprecht, wißt Ihr es nicht?»
«Ja, ja doch», erwiderte der Jude besänftigend; «du hast ja aber auch davon dein Brot.»
«Freilich, ich habe mein Bettelbrot davon,» schrie sie immer heftiger, «und die kalten, nassen, schmutzigen Straßen sind meine Wohnung; und Ihr seid der ruchlose Mann, der mich Tag und Nacht hinaustreibt und mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich im Grabe liege.»
«Ich füge dir ein Leid zu,» versetzte der Jude, durch diese Vorwürfe gereizt, «ein Leid, das schlimmer ist als das, von dem du sprichst, wenn du noch ein Wort sagst.»
Nancy erwiderte nichts mehr, zerraufte aber in einem Übermaß von Leidenschaft ihr Haar, stürzte auf Fagin zu, und auf seinem Gesichte würden ohne Zweifel sichtbare Spuren ihrer Rache zurückgeblieben sein, hätte nicht Sikes eben noch zur rechten Zeit ihre Arme festgehalten. Sie bemühte sich vergeblich, sich von ihm loszureißen, und sank in Ohnmacht. «Es ist nun alles wieder in Ordnung», bemerkte Sikes, sie in eine Ecke tragend. «Sie besitzt außerordentliche Körperkräfte, wenn sie sich in diesem Zustand befindet.» Der Jude wischte sich die Stirn und lächelte, und sowohl er wie Sikes und die Knaben schienen den ganzen Vorfall als einen gewöhnlichen, im Geschäft häufig vorkommenden zu betrachten.
«Es ist doch das Schlimmste, mit Weibern zu tun zu haben», bemerkte der Jude, den Stock wieder beiseite stellend; «aber sie sind schlauer als wir, und wir können ohne sie nicht fertig werden. Charley, bringe Oliver zu Bett.»
«Nicht wahr, Fagin, er soll morgen seine besten Kleider nicht tragen?» fragte Charley Bates grinsend, und der Jude verneinte, Charleys liebliches Grinsen erwidernd. Master Bates schien sich seines Auftrages höchlich zu freuen, führte Oliver in das anstoßende Gemach, in welchem einige Betten der Art standen, wie er sie bereits kennen gelernt, und zog mit unbezwinglichem Gelächter die alten Kleidungsstücke hervor, die sich Oliver so gefreut hatte, ablegen zu dürfen, und die Fagin auf die erste Spur seines Aufenthaltes bei Mr. Brownlow gebracht hatten.
«Zieh' die Sonntägischen aus,» sagte Charley, «ich will sie Fagin zum Aufheben geben. Welch' ein prächtiger Spaß!»