«Nimmst du keine Taschentücher und Uhren,» fuhr der Baldowerer, zu Olivers Fassungskraft sich herablassend, fort, «so tut's der erste beste andere, und der hat was davon, und du hast nischt, da du doch ein ebenso gutes Recht dazu hast.»
«'s ist ganz klar – ja, ja – ganz klar,» sagte der Jude, der unbemerkt von Oliver eingetreten war, «klar wie die Sonne, mein Kind. Glaub' dem Baldowerer; er kennt den Katechismus seines Geschäfts aufs Haar.»
Das Gespräch wurde indes für jetzt abgebrochen, da Fagin mit Miß Betsy und einem Gentleman angelangt war, den Oliver noch nicht gesehen hatte und den der Baldowerer Tom Chitling nannte, als er eintrat, nachdem er draußen ein wenig verweilt, um mit der Dame einige Galanterien zu wechseln.
Tom Chitling war älter an Jahren als der Baldowerer, da er etwa achtzehn Winter zählen mochte, bezeigte demselben aber eine Ehrerbietung, woraus man klärlich sah, daß er sich bewußt war, an Genie und Geschäftserfahrung ihm untergeordnet zu sein. Tom hatte kleine, blinzelnde Augen und ein pockennarbiges Gesicht und trug eine Pelzkappe, eine Jacke aus dunklem Tuch, fettige Barchenthosen und eine Schürze. Er sah in der Tat ziemlich abgerissen aus, entschuldigte sich jedoch bei der Gesellschaft damit, daß «seine Zeit» erst seit einer Stunde aus gewesen sei, daß er seine Uniform sechs Wochen getragen und noch nicht daran habe denken können, die Garderobe zu wechseln. Er schloß mit der Bemerkung, daß er zweiundvierzig Tage angestrengt gearbeitet, und «bersten wolle, wenn er in der ganzen Zeit 'nen Tropfen gekostet und nicht so trocken sei wie ein Sandfaß».
«Was meinst du, Oliver, woher der junge Mensch wohl kommt?» fragte der Jude grinsend, während Charley eine Branntweinflasche auf den Tisch stellte.
«Ich – ich kann's nicht sagen, Sir», erwiderte Oliver.
«Wer ist denn der?» fragte Tom Chitling, Oliver verächtlich anblickend.
«Ein junger Freund von mir, mein Lieber», antwortete Fagin.
«Dann hat er's gut genug», bemerkte Tom, dem Juden einen bedeutsamen Blick zuwerfend. «Kümmere dich nicht darum, Bursch, woher ich komme; es gilt 'ne Krone, wirst bald genug selber da sein!»
Es wurde gelacht, Fagin flüsterte mit Tom, alle versammelten sich am Kamine, der Jude forderte Oliver auf, sich zu ihm zu setzen, und lenkte das Gespräch auf Gegenstände, von welchen er erwarten konnte, daß seine Zuhörer den lebhaftesten Anteil daran nehmen würden; nämlich die großen Vorteile des Geschäfts, die Talente des Baldowerers, die Liebenswürdigkeit Charleys und die Freigebigkeit Fagins. Als sie erschöpft waren und Tom Chitling gleichfalls Zeichen der Erschöpftheit an den Tag legte (denn das Besserungshaus ermüdet sehr nach einigen Wochen), entfernte sich Miß Betsy, und die übrigen begaben sich zur Ruhe.