„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau mit etwas Vermögen aus — eine Wirthin oder so Etwas — und heirathet sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das überlegt Euch, Sydney.“
„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.
Zwölftes Kapitel.
Der Mann von Zartgefühl.
Nachdem Mr. Stryver einmal den Entschluß gefaßt hatte, mit großmüthiger Freigebigkeit der Tochter des Arztes seine Hand zu reichen, beschloß er auch, ihr das ihr bevorstehende Glück anzukündigen, bevor er die Stadt für die langen Gerichtsferien verließ. Nachdem er die Sache lange bei sich durchgesprochen, kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sei, alle Präliminarien abzumachen und es dann in Muße zu überlegen, ob er ihr eine oder zwei Wochen vor den Michaelisassisen oder während der kurzen Weihnachtsferien vor den Hilariusassisen die Hand reichen solle.
Ueber die Stärke seiner Sache hatte er nicht den geringsten Zweifel, sondern sah das Verdict klar vor Augen. Den Geschwornen als solide Geld- und Vermögensfrage auseinandergesetzt, dem einzigen Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten war — war es ein ganz einfacher Fall, der nicht die kleinste schwache Stelle hatte. Er rief sich für den Kläger auf, es war über seine Beweise nicht hinwegzukommen, der Advocat für den Beklagten gab die Sache auf und die Geschwornen traten nicht einmal zusammen, um das Verdict zu besprechen. Nachdem Mr. Stryver den Rechtsfall in correctester Form erprobt hatte, war er überzeugt, daß es keine einfachere Sache geben konnte.
Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Ferienzeit damit ein, daß er Miß Manette in bester Form nach Vauxhall einlud; da dies keinen Anklang fand, schlug er Ranelagh vor; da das unerklärlicher Weise auch keinen Anklang fand, geruhte er sich selbst in Soho vorstellen und dort sein großmüthiges Vorhaben erklären zu wollen.
Nach Soho lenkte daher Mr. Stryver seine Schritte vom Tempel, während die Blüthe der Ferienkindheit noch auf demselben lag. Jeder, der ihn sah, wie er einer aufgeblühten Pfingstrose gleich über den Bürgersteig schritt und alle schwächeren Leute aus dem Wege schob, konnte sehen, wie solid und stark er war.
Da er bei Tellsons vorbei ging und er ein Conto bei Tellsons hatte und zugleich Mr. Lorry als vertrauten Freund der Familie Manette kannte, kam Mr. Stryver auf den Gedanken einen Besuch im Contor zu machen und Mr. Lorry zu verrathen, welch glänzendes Gestirn heute noch über dem Horizont von Soho aufgehen werde. So stieß er die Thür auf, in deren Kehle das schwache Röcheln stak, stolperte die beiden Stufen hinunter, kam an den beiden alten Cassirern vorbei und trat in das dumpfige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen für Zahlen liniirten Büchern an einem Fenster saß mit senkrechten eisernen Stäben davor, als ob es auch für Zahlen liniirt und jegliches Ding unter der Sonne eine Ziffer wäre.
„Wie geht’s Ihnen?“ sagte Mr. Stryver. „Ich hoffe, Sie befinden sich wohl!“