„Da er es gesagt hat, ist es wahrscheinlich eine Lüge,“ erwiederte Madame, und zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe. „Aber es kann wahr sein.“
„Wenn es wahr ist —“ fing Defarge an und stockte.
„Wenn es wahr ist?“ wiederholte seine Frau.
— „Und wenn es geschieht und wir bei seinem Triumph noch am Leben sind — hoffe ich um ihretwillen, daß das Schicksal ihren Mann fern von Frankreich halten wird.“
„Ihres Mannes Schicksal,“ sagte Madame Defarge mit ihrer gewöhnlich ruhigen Fassung, „wird ihn hinführen, wo er hingehen soll und wird ihn zu dem Ende bringen, das ihm bestimmt ist. Das ist Alles, was ich weiß.“
„Aber ist es nicht sehr seltsam — ist es jetzt nicht wenigstens sehr seltsam“ — sagte Defarge, als ob er mehr einen Versuch machte, seine Frau zu bewegen, so viel zuzugeben, „daß nach aller unsrer Theilnahme für ihren Vater und für sie selber der Name ihres Gatten gerade jetzt neben dem des Höllenhundes, der uns eben verlassen hat, von Deiner Hand geächtet sein muß?“
„Seltsamere Dinge als diese werden geschehen, wenn es kommt“ gab Madame zur Antwort. „Sie sind jedenfalls Beide gezeichnet; und sie verdienen es Beide; das genügt.“
Sie wickelte das Strickzeug zusammen, als sie dies gesagt hatte und nahm gleich darauf die Rose aus dem Taschentuch, das um ihren Kopf gewunden war. Entweder hatte Saint Antoine einen geheimen Instinkt, daß die anstößige Zier entfernt war oder Saint Antoine lauerte auf ihr Verschwinden; wie dem immer sein möge — es faßte Muth, nach sehr kurzer Zeit sich wieder einzufinden und der Weinschank nahm sein gewöhnliches Aussehen wieder an.
Des Abends, zu welcher Zeit vor allen andern Saint Antoine das Inwendige auswendig kehrte und auf Thürstufen und Fensterbrettern saß und an die Ecken schmutziger Straßen und Höfe trat, um einen Mund voll frische Luft zu schöpfen, war Madame Defarge gewohnt, mit ihrem Strickzeug in der Hand, von Ort zu Ort und von Gruppe zu Gruppe zu gehn, als ein Sendbote — es gab viele ihres Gleichen — wie wir nicht wünschten, daß die Welt sie wieder erzeuge. Die Frauen strickten alle. Sie strickten unnütze Kleinigkeiten; aber die mechanische Arbeit war ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich für die Kinnbacken und die Verdauungswerke; wenn die knochigen Finger stillgestanden hätten, hätten die Magen mehr die Qualen des Hungers gefühlt.
Aber wie die Finger sich bewegten, bewegten sich auch die Augen und die Gedanken. Und wie Madame Defarge von einer Gruppe zur andern ging, bewegten sich alle drei rascher und zorniger in jeder kleinen Gruppe Frauen, mit der sie gesprochen und die sie dann wieder verlassen hatte.