„Bah!“ entgegnete Miß Proß; „Sie waren schon in der Wiege ein Hagestolz.“

„Na, auch das klingt wahrscheinlich,“ bemerkte Mr. Lorry, indem er die Perrücke über dem freundlichen Gesicht zurecht rückte.

„Und Sie waren zum Hagestolz bestimmt“ fuhr Miß Proß fort, „ehe Sie in die Wiege gelegt wurden.“

„Dann meine ich“ sagte Mr. Lorry, „bin ich höchst schäbig behandelt worden, und hätte man mir doch wenigstens eine Stimme bei der Wahl meiner zukünftigen Stellung gestatten sollen. Genug! Nun, meine liebe Lucie“ sagte er, indem er beruhigend den Arm um sie legte, „ich höre im nächsten Zimmer, daß sie kommen und Miß Proß und ich, als zwei förmliche Geschäftsleute, möchten gern die letzte Gelegenheit benutzen, um Ihnen etwas zu sagen, was Ihrem Herzen gut thun wird. Sie lassen Ihren guten Vater in Händen zurück, welche für sein Wohl so ernstlich und liebevoll, wie Sie selbst, sorgen werden; es soll alle mögliche Rücksicht auf ihn genommen werden; während der nächsten vierzehn Tagen, wo Sie in Warwickshire, oder dessen Nachbarschaft sind, müssen selbst Tellsons vergleichsweise vor Ihnen zurücktreten. Und wenn nach Ablauf dieser vierzehn Tage er zu Ihnen und zu Ihrem geliebten Gatten kommt, um Ihnen während der andern vierzehn Tage in Wales Gesellschaft zu leisten, sollen Sie sagen, daß wir Ihnen denselben in der besten Gesundheit und der glücklichsten Stimmung geschickt haben. Jetzt höre ich Jemandes Schritt sich der Thüre nähern. Gestatten Sie mir, ein geliebtes Kind mit einem altmodischen Hagestolzsegen zu küssen, bevor dieser Jemand Sie für sich in Anspruch nimmt.“

Einen Augenblick lang hielt er das liebliche Gesicht zwischen den beiden Händen, um sich noch einmal den wohlbekannten Ausdruck auf der Stirn zu betrachten, und legte dann das schöne goldne Haar an seine kleine braune Perrücke mit einer ächt innigen Liebe und einem Zartgefühl, welche, wenn solche Dinge altmodisch sind, so alt waren wie Adam.

Die Thür von des Doctors Zimmer ging auf und er trat mit Charles Darnay heraus. Er war so todtenbleich — was nicht der Fall gewesen war, als sie mit einander in das Zimmer gegangen waren — daß man auf seinem Gesichte auch keine Spur von Farbe sah. Aber in der Gefaßtheit seines Wesens war er unverändert, außer daß dem scharfen Blick Mr. Lorry’s eine schattenhafte Andeutung nicht unbemerkt blieb, daß der alte Ausdruck scheuen Zurückweichens und bangen Grauens vor Kurzem über ihn hinweggegangen war wie ein kalter Wind.

Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab an den Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemiethet hatte. Die Uebrigen folgten Alle in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer nahen Kirche, wo keine fremden Augen neugierig zuschauten, Charles Darnay und Lucie Manette zu einem glücklichen Ehepaare vereint.

Außer den herben Thränen, welche durch das Lächeln der wenigen Versammelten glänzten, als die Ceremonie vorbei war, funkelten einige schöne Juwelen — kaum erlöst aus der finstern Nacht einer der Taschen Mr. Lorry’s — an der Hand der Braut. Sie kehrten zum Frühstück nach Hause zurück und Alles ging gut, und im gehörigen Verlauf der Zeit mischte sich das goldne Haar, das sich in der Dachstube in Paris unter die silbernen Locken des Schuhmachers gemengt hatte, wieder mit ihnen im Morgensonnenschein auf der Thürschwelle bei’m Scheidegruß.