Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.


Neunzehntes Kapitel.
Eine Meinung.

Von sorgenvollem Wachen erschöpft schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seines Harrens erweckte ihn der helle Schein der Sonne, welcher in die Stube fiel, wo ihn während dunkler Nacht ein schwerer Schlummer überfallen hatte.

Er rieb sich die Augen und sah um sich; aber als er dies that, konnte er nicht klar werden, ob er nicht noch schlafe. Denn wie er an die Thüre des Zimmers des Doctors trat und hineinblickte, bemerkte er, daß die Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug bei Seite gestellt war und daß der Doctor lesend am Fenster saß. Er hatte seinen gewöhnlichen Morgenrock an und sein Antlitz (das Mr. Lorry deutlich sehen konnte) — obgleich noch sehr blaß — trug den Ausdruck der Aufmerksamkeit und ruhigen Vertieftheit.

Als Mr. Lorry gewiß geworden war, er wache, belästigten ihn einige Augenblicke noch Zweifel, ob das Schuhmachen der letzten Tage nicht bei ihm ein unruhiger Traum gewesen; denn sahen nicht seine Augen den Freund vor sich in seiner gewöhnlichen Tracht und seinem gewöhnlichen Ansehen und beschäftigt wie gewöhnlich? Und sahen sie irgend ein Zeichen, daß die Veränderung, die seiner Erinnerung so bestimmt eingeprägt war, wirklich vor sich gegangen war?

Dies fragte er sich blos in seiner ersten Verwirrung und in seinem ersten Erstaunen; denn die Antwort lag auf der Hand. Wenn die Erinnerung nicht die Folge eines wirklich entsprechenden und genügenden Vorfalls war, wie kam er — Charles Lorry — denn hierher? Wie ging es zu, daß er in seinen Kleidern auf dem Sopha in Dr. Manette’s Consultationszimmer eingeschlafen war und jetzt am frühen Morgen an der Thür des Schlafzimmers des Doctors mit sich über alle diese Zweifel zu Rathe ging?