Nach ein paar Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wenn ihn noch der Rest eines Zweifels gequält hätte, so hätte er vor ihrem Reden verschwinden müssen; aber er war sich jetzt klar geworden und hegte keinen Zweifel mehr. Er rieth an, die Zeit hingehen zu lassen, bis zur gewöhnlichen Frühstücksstunde und dann mit den Doctor zusammenzutreffen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Wenn er sich dann in seiner gewöhnlichen Gemüthsverfassung zeigte, wollte sich Mr. Lorry vorsichtig Raths bei der Autorität erholen, die zu befragen er sich in seiner Sorge so sehr gesehnt hatte.
Miß Proß fügte sich seinen Rathschlägen und der Plan ward mit aller Sorgfalt vorbereitet. Da Mr. Lorry Ueberfluß von Zeit für seine gewöhnliche methodische Toilette hatte, erschien er zur Frühstücksstunde schmuck und nett wie immer. Der Doctor war wie üblich gerufen worden und kam zum Frühstück.
So weit sich gewahr werden ließ, ohne über die vorsichtige und allmälige Annäherung hinauszugehen, auf welche Mr. Lorry sich beschränken mußte, glaubte er Anfangs seiner Tochter Hochzeit wäre gestern gewesen. Eine vorsätzlich hingeworfene Erwähnung des Wochen- und des Monatstages veranlaßte ihn nachzudenken und zu zählen und machte ihn offenbar unruhig. In jeder andern Hinsicht war er jedoch so sehr Herr seiner selbst, daß Mr. Lorry sich entschloß, sich bei der erwähnten Autorität Raths zu erholen. Und diese Autorität war er selbst.
Als sie daher mit dem Frühstück zu Ende und Alles weggeräumt worden und er und der Doctor wieder allein waren, sagte Mr. Lorry mit Gefühl: „Lieber Manette, ich möchte im Vertrauen Ihre Meinung über einen sehr merkwürdigen Fall hören, bei dem ich das tiefste Interesse fühle; das will sagen, er erscheint mir sehr merkwürdig; bei Ihrer größeren Erfahrung ist dies vielleicht nicht der Fall.“
Der Doctor blickte seine Hände an, an denen noch Spuren der frühern Beschäftigung zu bemerken waren, machte ein beunruhigtes Gesicht und hörte aufmerksam zu. Er hatte schon mehr als einmal seine Hände angesehen.
„Dr. Manette,“ sagte Mr. Lorry, indem er liebreich die Hand auf seinen Arm legte, „der Fall ist einem mir besonders werthen Freunde passirt. Bitte, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und rathen Sie mir um seinetwillen — und vor Allem wegen seiner Tochter — wegen seiner Tochter, lieber Manette.“
„Wenn ich recht verstehe,“ sagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „so ist es eine Erschütterung des Geistes?“ —
„Ja.“
„Erzählen Sie ausführlich,“ sagte der Doctor, „geben Sie alle Einzelnheiten.“
Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden und fuhr fort: „Lieber Manette, es handelt sich um eine alte und sehr lange Erschütterung, welche das Gemüth oder — wie Sie es nennen, der Geist erlitten hat, — man weiß nicht wie lange, weil ich glaube, er selbst kann die Zeit nicht berechnen, und es giebt kein anderes Mittel, sie zu erfahren. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der sich der Betreffende durch einen Proceß erholt hat, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen kann — wie ich ihn einmal öffentlich sehr eindringlich erzählen hörte. Es handelt sich um eine Erschütterung, von der er sich so vollständig erholt hat, daß er ein sehr geistvoller Mann ist, fähig, alle seine Seelen- und Körperkräfte anzustrengen und beständig seine Kenntnisse, die schon sehr bedeutend waren, zu vermehren. Aber leider! (er hielt inne und holte tief Athem) hat er einen kurzen Rückfall gehabt.“