„Und ach! mein Herz,“ bat sie, indem sie ihn fester umschlang, das Köpfchen an seine Brust legte und zu ihm emporblickte, „vergiß nicht, wie stark wir sind in unserem Glück und wie schwach er ist in seinem Elend.“
Die Bitte drang ihm in’s Herz.
„Ich werde es nie vergessen, liebes Herz! Ich werde es nie vergessen, so lange ich lebe.“
Er beugte sich zu ihr hernieder, küßte den rosigen Mund und schloß sie fest in seine Arme. Wenn ein einsamer Wanderer durch die dunkeln Straßen jetzt ihr unschuldiges Bekenntniß hätte hören und die Mitleidsthränen hätte sehen können, welche ihr Gemahl von dem sanften blauen Auge wegküßte, die ihn so liebevoll ansahen, so hätte nicht zum erstenmale sein Mund die Worte gesprochen:
„Gott segne sie ihres holdseligen Mitleids willen!“
Einundzwanzigstes Kapitel.
Wiederhallende Schritte.
Wie schon gesagt, war es eine wunderbare Ecke für Echo’s — die Ecke, wo der Doctor wohnte. Immer geschäftig den goldnen Faden aufrollend, der ihren Gatten und ihren Vater und sie und ihre alte Haushälterin und Gefährtin zu einem Leben ruhigen Glücks verband, saß Lucie in dem stillen Hause in der gedämpft wiederhallenden Ecke und lauschte dem Wiederhalle der Schritte von Jahren.
Zuerst gab es Zeiten, wo ihr — obgleich sie sich vollkommen glücklich als junge Gattin fühlte — langsam die Arbeit aus den Händen sank und ihre Augen sich trübten; denn es kam etwas in Echo’s, ein leichtes Trippeln aus weiter Ferne — fast noch nicht hörbar, was ihr Herz zu sehr erzittern machte. Aufgeregte Hoffnungen und Zweifel — Hoffnungen auf eine Liebe, wie sie ihr noch unbekannt war, — Zweifel, ob sie auf der Erde bleiben würde, um dieses neue Glück zu genießen, stritten sich in ihrer Brust. Unter den Echo’s klang es dann manchmal wie der Schall von Schritten an ihrem eignen frühen Grabe, und der Gedanke an den Gatten, der alsdann so allein zurückbleiben und sie so sehr bedauern würde, füllte ihre Augen mit heißen Thränen.
Diese Zeit ging vorüber und eine kleine Lucie lag an ihrer Brust. Dann vernahm man unter den nahenden Echo’s den Schall ihrer kleinen Füßchen und ihrer kindlich plaudernden Stimme. Mögen stärkere Echo’s noch so voll erschallen, — diese hörte die junge Mutter an der Wiege immer kommen. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig von dem fröhlichen Lachen des Kindes und der göttliche Kinderfreund, dem sie in ihren Sorgen das ihrige anvertraut hatte, schien das Kind in seine Arme zu nehmen, wie er die Kinder vor Zeiten nahm, und machte es ihr zu einer heiligen Freude.
Immer geschäftig den goldenen Faden aufrollend, der sie Alle zusammenband, und freundliches Glück überall verbreitend, wohin sie blickte, hörte Lucie in den Echo’s von Jahren nur wohlthuende und tröstende Klänge. Der Schritt ihres Mannes klang kräftig und glücklich unter ihnen; der ihres Vaters fest und gleichmäßig; ja selbst Miß Proß, im Geschirr von Bindfaden, weckt den Wiederhall als feuriges Roß mit der Peitsche gezüchtigt, schnaubend und die Erde stampfend, unter der Platane im Garten! Selbst wenn man unter den übrigen Klänge des Schmerzes vernahm, waren sie nicht bitter und verzweifelnd. Selbst wenn goldenes Haar, wie ihr eigenes, wie ein Glorienschein auf einem Kissen um das abgezehrte Gesicht eines Knaben lag und er mit strahlendem Lächeln sagte: „Lieber Papa und liebe Mama! es schmerzt mich sehr, Euch Beide zu verlassen und meine hübsche Schwester; aber man ruft mich und ich muß fort!“ — so waren es nicht lauter Thränen des Schmerzes, welche die Wangen der jungen Mutter benetzten, als die kindliche Seele von ihr schied. Man dulde sie und verbiete sie nicht. „Sie sehen meines Vaters Antlitz.“ O Vater! gesegnete Worte!