So mischte sich das Rauschen der Flügel eines Engels unter die andern Echo’s und sie waren nicht ganz von dieser Erde, sondern unter ihnen war dieser Hauch vom Himmel. Auch Seufzer des Windes, die über ein kleines Gartengrab wehten, mischten sich darunter und Lucie vernahm sie durch die stille Luft, wie die kleine Lucie mit komischem Ernst sich ihrer Morgenaufgabe widmend oder zu Füßen ihrer Mutter eine Puppe anputzend in den Zungen der beiden Städte plauderte, in deren Leben das ihrige verwebt war.

Selten gaben die Echo’s die Schritte Sydney Cartons zurück. Höchstens ein halb Dutzendmal des Jahres machte er von seinem Vorrechte Gebrauch, uneingeladen zu kommen, und saß unter ihnen den ganzen Abend lang. Er kommt nie von Wein erhitzt. Und etwas Anderes flüstern von ihm die Echo’s, was ächte Echo’s zu allen Zeiten geflüstert haben.

Hat ein Mann wirklich ein Weib geliebt, sie verloren und sie dann tadellos — obgleich unverändert — als Gattin und Mutter gekannt, so werden ihre Kinder stets eine seltsame Sympathie mit ihm haben — ein instinctartiges zartes Mitleiden mit ihm. Welch verborgene Fiber in der Seele dabei angerührt werde, kann kein Echo verkünden; aber es ist an dem und es war auch hier der Fall. Carton war der erste Fremde, welchen die kleine Lucie ihre runden Aermchen entgegenstreckte, und wie sie heranwuchs, behauptete er seinen Platz bei ihr. Der Kleine hatte fast noch zuletzt von ihm gesprochen. „Der arme Carton! Küßt ihn von mir!“

Mr. Stryver machte sich Platz unter den Juristen wie eine große Maschine, die sich durch trübes Wasser vorwärts arbeitet, und zog seinen nützlichen Freund hinter sich her wie ein in’s Schlepptau genommenes Boot. Da ein in solcher Lage befindliches Boot gewöhnlich sehr hin- und hergeworfen wird und meistens unter Wasser ist, so hatte auch Sydney ein feuchtes Leben zu führen, aber leichte und starke Gewohnheit, die leider in ihm viel leichter und stärker war als das anstachelnde Gefühl von Ehre oder Schande, machte es für ihn zum rechten Leben; und er dachte nicht mehr daran aufzuhören, des Löwen Schakal zu sein, als ein wirklicher Schakal daran denken würde ein Löwe zu werden. Stryver war reich, hatte eine blühende Wittwe mit Vermögen und drei Knaben geheirathet, die nichts besonderes Glänzendes an sich hatten, als das glatte Haar ihrer runden Köpfe.

Diese drei jungen Herren hatte Mr. Stryver, aus jeder Hautpore Gönnerschaft der beleidigendsten Art ausschwitzend, vor sich her wie drei Schafe nach der stillen Ecke in Soho getrieben und sie Luciens Gatten als Schüler angeboten mit den zartfühlenden Worten: „Heda, hier sind drei Portionen Butterbrod und Käse für Ihr eheliches Pickenick, Darnay!“ Die höfliche Zurückweisung dieser drei Portionen Butterbrod und Käse hatte Mr. Stryver mit großer Entrüstung erfüllt, von der er später bei der Erziehung der jungen Herren Nutzen zog, indem er ihnen einprägte, sich vor dem Stolze von Bettlern, gleich jenem Schulmeister, zu hüten. Auch pflegte er bei seinem schweren Wein Mrs. Stryver von den Künsten zu erzählen, mit welcher Mrs. Darnay ihn voreinst zu fangen versucht und wie er durch seine Schlauheit und Festigkeit dieses Gefangenwerden verhindert habe. Einige seiner Bekannten vom Kings-Benchgericht, die gelegentlich seinen schweren Wein und die Lüge zu kosten bekommen, entschuldigten die letztere damit, daß er sie so oft erzählt habe, daß er sie selbst glaube — jedenfalls eine so unverbesserliche Erschwerung eines ohnedies schon schweren Verbrechens, daß sie rechtfertigen würde, einen solchen Verbrecher an einen angemessenen abgelegenen Ort zu schaffen und ihn dort abseits zu hängen.

Diese waren unter den Echo’s, welche Lucie manchmal nachdenklich, manchmal lachend und ergötzt, aber immer im Genuß stillen Glückes in der wiederhallenden Ecke hörte, bis der sechste Geburtstag ihres Töchterchens kam. Aber auch andere Echo’s hatten während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend herübergerollt, und gerade jetzt um die Zeit dieses Geburtstags nahmen sie einen grauenhaften Ton an, als bräche in Frankreich ein schweres Unwetter mit fürchterlich stürmischer See los.

Eines Abends, Mitte Juli 1789, kam Mr. Lorry noch spät von Tellsons und setzte sich neben Lucie und ihren Gatten in das dunkle Fenster. Es war eine schwüle wetterdrohende Nacht und sie dachten alle Drei an die längstvergangene Sonntagsnacht, wo sie an demselben Fenster den Blitzen zugesehen hatten.

„Ich fing schon an zu denken, daß ich die Nacht bei Tellsons würde zubringen müssen,“ sagte Mr. Lorry, indem er die braune Perrücke von der Stirn zurückschob. „Wir haben heute so viel zu thun gehabt, daß wir gar nicht wußten, was wir zuerst anfangen oder wohin wir uns wenden sollten. Es herrschen solche Besorgnisse in Paris, daß man uns mit Vertrauen geradezu überläuft! Unsere Kunden drüben scheinen nicht im Stande zu sein, uns ihr Vermögen schnell genug anzuvertrauen. Es ist offenbar unter ihnen eine Manie ausgebrochen, es herüber nach England zu senden.“

„Das hat ein schlimmes Aussehn,“ sagte Darnay.

„Ein schlimmes Aussehn, sagen Sie, lieber Darnay? Ja! aber wir wissen nicht, welcher Grund dafür vorhanden ist. Die Menschen sind so unverständig! Einige von uns bei Tellsons werden alt und wir können uns wirklich nicht ohne gehörige Veranlassung aus dem gewöhnlichen Schritt bringen lassen.“