„Hier bin ich!“ — sagte Madame ruhig wie immer, aber für heute nicht mit dem Strickstrumpf beschäftigt. Die entschlossene rechte Hand Madames hielt eine Axt anstatt der friedlichen Stricknadeln und in ihrem Gürtel stak ein Pistol und ein langes scharfes Messer.
„Wo gehst Du hin, Frau?“
„Vor der Hand mit Dir,“ sagte Madame. „Bald wirst Du mich an der Spitze von Frauen sehen.“
„Vorwärts also!“ — rief Defarge mit weithin hallender Stimme. „Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Nach der Bastille!“
Mit einem Gebrüll, welches klang, als ob der Athem von ganz Frankreich das verabscheute Wort gesprochen, erhob sich das lebendige Meer Welle für Welle bis in die tiefsten Tiefen und fluthete hin nach jenem Punkte. Die Sturmglocke läutete, Trommeln schallten, das Meer wüthete und donnerte an seinen neuen Strand und der Angriff begann.
Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Durch das Feuer und durch den Rauch — in dem Feuer und in dem Rauch (denn das Meer warf ihn gegen eine Kanone und in dem Augenblick war er ein Kanonier geworden) arbeitete Defarge aus dem Weinschank wie ein mannhafter Soldat zwei heiße Stunden lang.
Tiefer Graben, eine Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Eine Zugbrücke gewonnen! „An’s Werk, Kameraden, an’s Werk! An’s Werk, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Tausend, Jacques Zweitausend, Jacques Zweihundertfünfzigtausend! Im Namen aller Engel und Teufel — was Ihr lieber habt —; an’s Werk!“ — So rief Defarge aus dem Weinschank immer noch an seiner Kanone, die längst heiß geworden war.
„Mir nach, Weiber!“ — rief Madame, seine Frau. „Was? wir können so gut todtschlagen, wie die Männer, wenn der Platz einmal genommen ist.“ Und um sie schaarten sich mit schrillem blutdürstigen Geschrei Haufen von Frauen, verschiedenartig bewaffnet, aber alle gleichbewaffnet mit Hunger und Rachedurst.
Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch; aber immer noch der tiefe Graben, die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme. Leichte Störungen in dem wüthenden Meer entstanden durch die hinstürzenden Verwundeten. Blinkende Waffen, lodernde Fackeln, qualmende Wagenladungen, feuchtes Stroh, harte Arbeit an Barrikaden in allen Richtungen, Geheul, Gewehrsalven, Verwünschungen, Tapferkeit ohne Ende, Kanonendonner und Flintengeknatter und das wüthende Toben des lebendigen Meeres; aber immer noch der tiefe Graben und die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme und immer noch Defarge aus dem Weinschank an seiner Kanone, die durch den Dienst von vier heißen Stunden doppelt heiß geworden ist.
Eine weiße Fahne auf der Festung und eine Verhandlung — das läßt sich undeutlich erkennen durch den wüthenden Sturm, der nichts hörbar werden läßt, — und plötzlich steigt das Meer höher und höher und spült Defarge aus dem Weinschank über die heruntergelassene Zugbrücke an den festen steinernen Außenmauern vorbei und mitten unter die acht großen Thürme, die sich ergeben haben.