Der Sturm bricht los.

Die Stunde war gekommen, wo St. Antoine seine schreckliche Idee zur Ausführung brachte, Menschen als Laternen in die Höhe zu ziehen, um zu zeigen, was er sein und thun konnte. St. Antoines Blut war in Wallung gekommen und das Blut der Tyrannei und der Herrschaft mit eiserner Hand war geflossen — geflossen die Stufen des Stadthauses hinab, wo der Leichnam des Commandanten lag — geflossen unter dem Schuh der Madame Defarge, wo sie ihn auf die Leiche gesetzt hatte, um diese besser köpfen zu können. „Laßt die Laterne herunter!“ rief St. Antoine, nach dem er sich mit wildem Blick nach einer neuen Todesart umgesehen; „hier müssen wir einen seiner Soldaten als Wache zurücklassen!“ Die hängende Schildwache war an ihrem Posten und das wüthende Meer wogte weiter....

Das Meer von schwarzen und drohenden Wassern und zerstörendem Gegeneinanderwogen, dessen Tiefe noch unergründet und dessen Kräfte noch unbekannt sind. Das erbarmungslose Meer von leidenschaftlich bewegten Gestalten, Stimmen der Rache und Gesichtern, die in Leiden so hart geworden sind, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen kann.

Aber in dem Ocean von Gesichtern, auf welchen sich jede wilde und grimmige Leidenschaft im lebendigsten Ausdruck zeigte, befanden sich zwei Gruppen von Gesichtern — von sieben Gesichtern jede — die so grell von den übrigen abstachen, daß noch kein Meer merkwürdigere Wraks auf seinen Wogen getragen hat. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich befreit von dem Sturme, der ihre Gruft gesprengt, wurden hoch über den übrigen getragen; Alle erschrocken, verwirrt, verwundert und erstaunt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre und die rings um sie Jauchzenden verlorne Seelen wären. Andere sieben Gesichter wurden noch höher getragen — sieben Leichengesichter, deren niedergesunkene Augenlider und halb sichtbare Augen den jüngsten Tag erwarteten. Gefühl- und regungslose Gesichter, aber mit einem etwas versteckten Ausdruck — nicht ganz ohne Ausdruck; Gesichter, die aussahen, als ob sie jetzt nur in grauenhaften Schweigen verharrten, um seiner Zeit wieder die heruntersinkenden Augenlider aufzuschlagen und mit blutlosen Lippen Zeugniß abzulegen: Du hast es gethan!

Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel der von einem ganzen Volke verfluchten Festung mit den acht starken Thüren, einige entdeckte Briefe und andere Andenken an Gefangene aus alter Zeit, die längst an gebrochenem Herz gestorben sind — Solches und Aehnliches tragen die lauthallenden Schritte St. Antoines durch die Straßen von Paris Mitte Juli Eintausend siebenhundert und neunundachtzig. Möge der Himmel die Phantasie Lucie Darnay’s täuschen und diese Schritte fern — fern von ihrem Leben halten! Denn sie sind ungestüm, wahnwitzig und gefährlich; und in den Jahren, so lange nach dem Auseinandergehen des Fasses vor Defarge’s Weinschank, sind sie nicht so leicht wieder rein zu waschen, wenn sie einmal roth gefärbt sind.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Fluth steigt immer noch.

Der hohläugige St. Antoine hatte nur eine Jubelwoche gehabt, in welcher er seine karge Portion von kargem und bittern Brode — so weit möglich — mit brüderlichen Umarmungen und Beglückwünschungen gewürzt hatte, als Madame Defarge wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch saß und über die Gäste die Aufsicht führte. Madame Defarge trug keine Rose im Kopftuch; denn die große Brüderschaft der Spione war in dieser einen kurzen Woche ausnehmend scheu geworden, sich der Barmherzigkeit des Heiligen anzuvertrauen. Die über die Straße hängenden Laternen hatten sich einen unheimlich elastischen Schwung angewöhnt.

Madame Defarge saß mit über einander geschlagenen Armen im Morgensonnenschein und schaute in den Weinladen und in die Straße hinein. In beiden standen verschiedene Gruppen von ärmlichem und schmutzigem Aussehen herum, aus deren Gesichtern aber zugleich das Bewußtsein, etwas zu gelten, herausblickte. Die zerlumpteste Nachtmütze, die schief über dem von Kummer und Noth todtbleichen Gesichte hing, sprach deutlich genug: Ich weiß, wie schwer es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, das Leben zu erhalten; aber weißt du auch, wie leicht es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, dir das Leben zu nehmen? Jeder nackte magere Arm, der bisher ohne Arbeit gewesen ist, kann jetzt jeden Augenblick zu dieser Arbeit greifen, wenn er nur will. Die Finger der strickenden Weiber zucken krampfhaft mit dem Bewußtsein, daß sie zerreißen können. St. Antoine hat ein anderes Aussehen gewonnen; hunderte von Jahren war es ihm eingehämmert worden und die letzten vollendeten Schläge hatten den richtigen Ausdruck mit gewaltiger Deutlichkeit herausgebracht.

Madame Defarge war sich dessen bewußt mit der unterdrückten Billigung, wie sie bei der Führung der Frauen von St. Antoine zu wünschen war. Eine von der Schwesterschaft strickte neben ihr. Die kleine, eher runde Frau eines heruntergekommenen Gewürzhändlers und Mutter von zwei Kindern hatte sich als zweite Führerin bereits den Ehrennamen des Racheengels erworben.