„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich geworden, um längern Verzug zu gestatten.“
„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“
„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“
„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische von Herzen bewundere.“
„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“
Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth als politischer Flüchtling — und es war zu sehr die Art eingeborner britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht gesäet worden wäre — als ob nie etwas geschehen oder unterlassen worden wäre, was dazu geführt hätte — als ob Beobachter des Elends von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen, verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen, ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.
Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben, um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet, entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin, daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“
Am Hochzeitsmorgen hatte Dr. Manette an Charles Darnay die einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß dieses Namens — außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts; Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.
„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich, ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir sagen, wo der Herr zu finden ist.“
Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten, nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.