„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“
„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr Essen kaufen und weiter nichts.“
Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle. Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen, wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“
„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame, welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln, aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.
Zweites Kapitel.
Der Schleifstein.
Tellsons Bank im Quartier Saint Germain von Paris befand sich in dem Flügel eines großen Hauses, zu dem man über einen von der Straße durch eine hohe Mauer und ein starkes Thor abgeschlossenen Vorhof gelangte. Das Haus gehörte einem großen Herrn, der darin gewohnt hatte bis er vor den bösen Zeiten in den Kleidern seines eigenen Koches flüchtete und glücklich über die Grenze kam. Ein vor Jägern fliehendes gehetztes Wild war er immer noch in seiner Metempsychosis derselbe Monseigneur, der, bevor er seine Chocolade an die hohen Lippen brachte, dazu die Kräfte von drei starken Männern in Anspruch nahm, ohne den Koch zu rechnen.
Als Monseigneur fort war, und die drei starken Männer für die Sünde, von ihm hohen Lohn bezogen zu haben, sich damit Absolution gaben, daß sie mehr als bereit und willig waren, ihm auf dem Altar der kommenden einen und untheilbaren Republik von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, den Hals abzuschneiden, war Monseigneurs Haus erst sequestrirt und dann confiscirt worden. Denn alles ging so schnell und Decret folgte auf Decret mit so wilder Hast, daß jetzt am dritten Abend des Herbstmonates September patriotische Gerichtspersonen Monseigneurs Haus in Besitz genommen und es mit der dreifarbigen Fahne bezeichnet hatten und in seinen Staatszimmern Branntwein tranken.
Ein Geschäftslocal in London wie Tellsons Geschäft in Paris hätte das Haus bald von Sinnen und auf das Verzeichniß der Fallirten gebracht. Denn was würde gesetzte englische Verantwortlichkeit und Respectabilität gesagt haben zu Orangenbäumen in Kübeln in dem Vorhof einer Bank, oder gar zu einem Cupido über dem Zähltisch? Und doch gab es solche Dinge. Tellsons hatten den Cupido übertüncht, aber er war immer noch erkennbar in der Decke, wo er, auf das sparsamste mit Leinenzeug bedacht, von Früh bis Abends mit seinem Pfeil auf Gold zielte — wie er es ja sehr oft macht. In Lombardstreet in London hätte dieser junge Heide unvermeidlich Bankerot zur Folge gehabt, und dieselbe traurige Wirkung hätte ein verhangener Alkoven hinter dem unsterblichen Knaben und ein in die Wand eingelassener Spiegel, und endlich die durchaus nicht alten Commis hervorgebracht, welche auf die leiseste Aufforderung öffentlich tanzten. Jedoch französische Tellson’s konnten bei allen diesen Dingen vortrefflich bestehen, und so lange die Zeit überhaupt zu ertragen war, hatte sich Niemand darüber entsetzt und sein Geld aus der Bank gezogen.
Wie viel Geld in Zukunft aus Tellsons Bank gezogen und wie viel dort verloren und vergessen liegen bleiben würde; was für Silberzeug und Juwelen in Tellsons versteckten Koffern blind werden würden, während die, welche sie dort niedergelegt hatten, im Gefängnisse schmachteten, oder bald eines gewaltsamen Todes sterben sollten; wie viele Conti bei Tellsons in dieser Welt nie abgeschlossen werden konnten und in die andere Welt übertragen werden mußten, das konnte an diesem Abend Niemand sagen, ebenso wenig wie Mr. Jarvis Lorry, obgleich er über diese Fragen besorgt nachdachte. Er saß vor einem frisch angebrannten Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war vor der Zeit kalt) und auf seinem ehrlichen und muthvollen Gesicht lag ein trüberer Schatten, als die Hängelampe werfen oder ein Gegenstand im Zimmer verzerrt wiedergeben konnte — ein Schatten des Grausens.
Er bewohnte in seiner Treue für das Haus, von dem er ein Theil geworden war, wie tief gewurzelter Epheu, Zimmer in der Bank. Sie erfreuten sich in Folge der patriotischen Besitznahme des Hauptgebäudes einer gewissen Art von Sicherheit, aber der wackere alte Herr dachte nie daran. Alle solche Nebensachen waren ihm gleichgültig, wenn er nur seine Pflicht that. Am anderen Ende des Vorhofes unter einer Colonade befand sich ein Wagenschuppen, und es standen sogar noch einige Kutschen Monseigneurs dort. An zwei von den Pfeilern waren zwei große helllodernde Fackeln befestigt, und im Schimmer derselben stand unter freiem Himmel ein großer Schleifstein: eine roh zugerichtete Maschine, welche man aus einer nahen Schmiede oder anderen Werkstatt in Hast hieher geschafft zu haben schien. Mr. Lorry war aufgestanden und hatte aus dem Fenster einen Blick auf diese harmlosen Gegenstände geworfen; aber ein Schauder überlief ihn und er kehrte wieder auf seinen Sitz vor seinem Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch die Jalousien davor geöffnet, und sie beide wieder zugemacht, und ein Schauer überlief seinen ganzen Körper.