„Er ist hier.“
„Hier in Paris?“
„Er ist hier seit einigen Tagen — seit dreien oder vieren — ich weiß nicht wie viel es sind — ich kann meine Gedanken nicht sammeln. Ein edelmüthiges Unternehmen hat ihn zu der Reise bewogen, ohne daß ich davon wußte; man hat ihn am Thore angehalten und in’s Gefängniß geschickt.“
Unwillkürlich schrie der Alte laut auf. Fast in demselben Augenblick läutete die Glocke an dem großen Thore von Neuem und schreiend und tobend hörte man einen Menschenhaufen sich in den Vorhof wälzen.
„Was ist das für ein Lärm?“ fragte der Doctor und stand auf, um an das Fenster zu treten.
„Sehen Sie nicht hinaus!“ rief Mr. Lorry. „Sehen Sie nicht hinaus! Manette, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, öffnen Sie das Fenster nicht!“
Der Doctor wendete sich um, mit der Hand auf dem Fensterwirbel und sagte mit einem kühlen muthigen Lächeln:
„Lieber Freund, in dieser Stadt habe ich ein gefeites Leben. Ich bin Gefangener in der Bastille gewesen. Es giebt keinen Patrioten in ganz Paris — in ganz Paris sage ich? in Frankreich, der, wenn er erfährt, daß ich Gefangener in der Bastille gewesen bin, mich nur anrühren würde, außer um mich mit Umarmungen halb zu ersticken, oder mich im Triumphe auf den Schultern zu tragen. Mein altes Leiden hat mir eine Macht verliehen, die uns zum Thore hereingebracht und uns dort Nachrichten von Charles verschafft, und uns hierher geführt hat. Ich wußte, daß es so sein würde; ich wußte, daß ich Charles aus aller Gefahr retten könnte; ich sagte dies Lucie. Was ist das für ein Lärm?“ Er legte wieder die Hand an den Fensterwirbel.
„Sehen Sie nicht hinaus,“ rief Mr. Lorry in vollster Verzweiflung. „Nein, gute Lucie, auch Sie nicht!“ Er umschlang sie mit seinen Armen und hielt sie zurück. „Erschrecken Sie nicht so, Gute. Ich schwöre Ihnen auf das Heiligste, daß ich von nichts Schlimmen weiß, was Charles zugestoßen ist; daß ich nicht einmal eine Ahnung von seiner Anwesenheit in dieser unseligen Stadt hatte. In welchem Gefängnisse ist er?“
„In La Force!“