„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse, Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener, immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer, da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik, der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf, der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr. Barsad?“

„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas unruhig.

„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“

Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas ein und trank es.

„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“

Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, — nicht weil man ihn nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs — war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel Einzelnheiten über Dr. Manette’s Einkerkerung, Befreiung und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war. Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte, die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen, gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle, die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind, hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.

„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“

„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr. Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird — obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu übernehmen?“

„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken und in wenigen Minuten.“