„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte, klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft. Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er seines Weges ging; aber er hörte sie immer.

Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte, wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des Todes übergeben zu sein.

Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm funkelte.

Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. — „Gleich mir!“

Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen, verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.

Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf — vor dem viele scheu zurückwichen — ihn in eine dunkle Ecke unter den Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und Dr. Manette war da. Sie war da, und saß neben ihrem Vater.

Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben Folgen gesehen.

Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können, wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.