„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte und auf den Tisch stellte. ****

„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien, die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich diese nicht gebrauchen.“

„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.

„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet — offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig, daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen; aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige, was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten. Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte regelmäßiger sein.“

„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer geblieben, bevor der Aeltere sagte:

„Es ist noch ein anderer Kranker da.“

„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“

„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort und nahm einen Leuchter. ****

„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht sah.

„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf geschoben lag ein hübscher Bauernbursch — ein halber Knabe noch von kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen, die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen Instrument starb.