„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“
„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr unruhig.
„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken beobachteten. ****
„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern und könnte es niederschreiben.
„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich, wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.
„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte, daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob — der Gedanke kam mir in den Sinn — ich auch im Sterben läge.
„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des Anstoßes war.
„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht — der Zeit nach nach meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.
„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört, wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und abgingen.