„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“
„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung. Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein lebendiges Grab.
„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen — mir nur ein einziges Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette, unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.“
Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser Rache nicht gefallen wäre.
Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht, dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.
Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache, und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale, keine Spur menschlichen Mitgefühls.
„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur, Doctor, rettet ihn!“
Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme. Immer lauteres Tosen.
Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker. Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!