„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.
„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.
„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war. Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.
„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte, und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****
„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.
„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.
„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann — es ist wenig mehr als ein paar Juwelen — soll er — es soll das erste Gebot seines Lebens sein, — mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die Schwester entdeckt werden kann.“
„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie nie wieder gesehen.
„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn keinen andern Händen anvertrauen wollte.
„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner Gattin saß — o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne, junge englische Gattin! — sahen wir den Mann, den er an der Hausthür zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.